Fatal Urge

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The Return of War Presidents

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„Wenn mein Land Krieg führt, möchte ich, dass es gewinnt!“ Das könnte man für einen frommen und verständlichen Wunsch handeln. Wer diese Aussage trifft, rettet sich vor dem unhübschen Disput mit sich selbst und seinen Mitbürgern über die Sinnhaftigkeit des Tuns des eigenen Landes. Fazit im Grunde: Auch wenn die Sache als solche falsch ist, so bringen wir sie doch zu Ende, koste es was wolle – denn wir sind Gewinner!

Okay, das ist zynisch. Aber man denke einmal darüber nach: Der Krieg bzw. Einsatz in Afghanistan wird von 80% der Bevölkerung abgelehnt. Das lässt, glaube ich, den Schluss zu, dass man diesen Krieg für falsch hält. Und doch ertönen lauthalse Stimmen, dass man ihn zu gewinnen hat, wenn man denn schon dabei mitspielt? Was für eine Konsequenz steckt bitte hinter solchem Empfinden! Stellen wir uns einmal vor, dieser faszinierende Ungeist hätte seinerzeit jedem nicht-inhaftierten Einwohner Nazi-Deutschlands innegewohnt; könnte man da noch immer von einem frommen und verständlichen Wunsch sprechen oder stoßen wir hier doch eher in so unattraktive Regionen vor wie Stolz, Eitelkeit oder eine gesamtnationale Variation der berühmten Nibelungentreue?

Zeigt sich als Silberstreif am Horizont irgendwo eine ernstzunehmende Exit-Strategie für Afghanistan? Oder für den Irak, wo wir gerade dabei sind? Vielleicht konsumiere ich schlichtweg die falschen (uninformierten) Medien aber mir ist nichts dergleichen bekannt.

Das Abenteuer Afghanistan ist mehrmals schon unter ganz anderen Voraussetzungen in die Hose gegangen. Den Siegesbecher mit nach Hause nehmen durfte bislang einzig Dschingis Khan, der medial Vielbemühte. Ansonsten sorgten Gebietsstreitigkeiten unter den verschiedenen Stämmen immer wieder für erneute Ausbrüche und Eskalation von Konflikten. Wie will die ISAF-Truppe dagegen etwas unternehmen? Da bleibt im Grunde doch nur der zu Recht verfemte Angriff auf die Zivilbevölkerung, damit die Warlords, die Stammesfürsten und deren willige Schergen ausgemerzt werden. Gut, die Überlebenden wären aufgrund immenser Rachegefühle gegen die Mörder ihrer Familien dann auch wieder eine ernstzunehmende Bedrohung des Westens, gegen die man sich verteidigen dürfte aber eine andere Möglichkeit der Ruhestiftung durch äußere Kräfte ist meines Erachtens nicht denkbar. Man wird nie alle Taliban und Talibansympathisanten auslöschen können. Als humanistisch gebildete Person ohnehin etwas, über das man ernsthafte Zweifel hegen sollte. Und solange wir töten und getötet werden wird es immer Rachegefühle geben, die von einem strategisch halbwegs bewanderten Kopf in wohlfeile Bahnen gelenkt, instrumentalisiert werden können.

Man kann in fremdem Lande keine Revolution machen. Hat das nicht sogar der große Dr. com(mandante) Ché Guevarra erkennen müssen? Der Wunsch und feste Wille hin zur Veränderung muss aus dem Inneren selbst stammen und er muss mit ausreichend Mut, Einigkeit und Entschlossenheit gepaart sein, um gegen alle Widrigkeiten erkämpft und verteidigt zu werden. Dabei kann eine fremde Macht auf Wunsch helfen. Sich allerdings einzubilden, man könnte die Zeit bis zu dieser umfassenden intern motivierten Revolution einfach unter entsprechendem Blutzoll aussitzen bzw. so lange, bis Ressourcen und Leitungsweg für die erträumte Pipeline gesichert sind, zeugt von erstaunlicher Moralfreiheit und Naivität. Vor allem allerdings von immenser Dreistigkeit. Wollen wir jetzt Amerikaner spielen, World Police, unsere Werte in Blei gegossen in aller Herren Länder ballern? Aber ja. Zumindest vor dem Auge des Stimmviehs jedenfalls.

Es gibt für diesen Krieg keine ethisch-moralische Rechtfertigung. Es gibt keinen Grund, warum unsere, verbündete oder verfeindete Soldaten dort unten sterben müssten. Afghanistan hätte Bin Laden ausgeliefert, wenn es seiner habhaft geworden wäre. Um ihn geht es indes lange nicht (mehr?). Und ob die Möglichkeit seiner Ergreifung einen Krieg tatsächlich rechtfertigen würde, darf zumindest angezweifelt werden. Gefährdungspotential gegenüber dem Westen? Oh, es gibt ja so viel, was uns armen Schweinen gefährlich werden könnte… das sollte indes auch keinen verwundern, wenn man einmal mit Verstand betrachtet, was wir im Laufe unserer Geschichte anderen Völkern so alles angetan, was wir zu unserem Vorteil aus dem Planeten herausgepresst haben. Beim Spiel, egal bei welchem, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Und wenn jemand auf eine ganze Historie an Niederlagen zurückblicken kann, die seltenst mal durch einen kleinen Sieg statistisch aufgebessert wird, dann kann ein historischer Loser schon mal böse werden.

Wenn es also darum ginge, uns vor potentiellen Gefahren (militärischer wie auch wirtschaftlicher Art) zu beschützen, könnten wir im Grunde mit der ganzen Welt einen Krieg anfangen und uns gegenseitig so lange niederbrennen, bis keiner mehr übrig ist. Humanitäre Katastrophen? Ungerechte Systeme? Unterdrückung? Okay, machen wir die Welt besser, indem wir sie von dem befreien, was ihr am meisten schadet nämlich uns, der Menschheit. Das wäre ein Symbol!

Im Ernst, es gibt genug Not und Unrecht auf der Welt und selbst, wenn wir uns nur auf die Ungerechtigkeiten konzentrieren, die nicht ohnehin mittelbar oder unmittelbar von uns verursacht worden sind, wäre etwas wie Taliban-Afghanistan nur ein Fischlein in einem gewaltigen Ozean des Unrechts, den wir auszutrocknen hätten. Oder wir gehen hin und zwangsdemokratisieren den ganzen Globus! Zu diesem Thema werfe ich nur ein weiteres Mal das Stichwort Weimarer Republik in den Raum und schweige hinfort.

Es existiert keine Rechtfertigung für unser Tun in Afghanistan und selbst, wenn es tatsächlich ausschließlich um Hilfe und Unterstützung ginge und diese Dinge nicht nur zur Scheinrechtfertigung knallharter Macht- und Wirtschaftsinteressen vorgeschoben würden, wie es seit Jahrzehnten ernüchternd erfolgreich praktiziert wird, wäre der militärische, der Zwangsweg, doch immer der falsche. Als Präsident der Bundesrepublik Deutschland, der schon mal vage etwas von Verfassung, bzw. dem Grundgesetz gehört hat, kann man da im Grunde nicht wirklich anderer Meinung sein. Mehr noch muss das gelten für Politiker, die wirklich etwas zu sagen haben. Leider sieht es vollkommen anders aus, man spricht nur nicht gerne darüber. Man darf nicht die Wahrheit sagen, es sei denn, man hat ein schnelles Pferd. Hotte Köhler bewies, dass seine Füße es in Sachen Schnelligkeit mit seiner Zunge locker aufnehmen können und rannte davon. Nicht ohne den obligatorischen großen Zapfenstreich inklusive All-You-Can-Eat-Portion Weihrauch. Myrrhe und Gold werden ihm wie auch all seinen Vorgängern, die sich nicht vorzeitig aus dem Staube gemacht haben, willfährig hinterhergeworfen. „Fang Junge und wetz’!“

Nur wie sehen die Reaktionen aus auf den fliehenden Esel, der die Wahrheit gesprach? Es wird über Blassblasen diskutiert, die zu farblos sind für Schloss Bellevue, über „links“ nominierte Kandidaten deutlich rechter Breite und Trotzlucs die dann schon wieder von zu weit (weil tatsächlich) links kommen. Was aber ist mit Hottes kleiner Wahrheitsattacke? Wann redet man mal mehr über die Sache selbst als über die Person? Weder Blassblase noch Rechtsprediger machen einen Hehl daraus, dass sie Krieg als adäquates Mittel zur Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen grundsätzlich nicht ablehnen. So gesehen hätte der Köhler gar nicht so wetzen müssen. Er hat nur die falschen Leute um Rückhalt ersucht. Hätte er mal den Gauck gefragt! „Ich habe kein Problem mit der Bundeswehr in Afghanistan.“ Ich aber schon, denn sie hat dort nichts zu suchen. Ebenso wenig, wies sie dort etwas zu finden hat. Wirtschafts- und Vormachtinteressen dürfen niemals einen Kriegseinsatz der Bundeswehr begründen. Wenn die eigenen ethischen Grundsätze, beispielsweise des Posterboys für Moralität Christian Wulff (der ja nicht umsonst gern Umgang mit radikalreligiösen Rechten pflegt), nicht ausreichen, um zu diesem unabänderlichen Schluss zu gelangen, so sollte man zumindest gelegentlich das Grundgesetz, das man sich schmuck vor Birne und Hintern bindet, aus dem Unsinn zurück vor die Augen holen und mal nachlesen, was unsere bundesrepublikanische Wertecharta zu diesem Thema zu sagen hat. Es steht eindeutig drin.

Herrn Gauck indes steht der Sinn nach Freiheit. Doch er ist ein Priester, ein Theologe. Solches Gesindel benötigt einen Gott zur Rechtfertigung des eigenen Seins und als Quelle der eigenen immensen Erhabenheit. Was man als Ursprung seines Aberglaubens in Anspruch nimmt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wichtig ist nur, dass genug Menschen – oder zumindest diejenigen Menschen, auf die es ankommt – diesen Ursprung ebenfalls kennen, bzw. verinnerlich haben und deswegen den Gedanken absurd finden, DIESE jeweilige ewige Wahrheit in Zweifel ziehen zu müssen, zumal sie im eigenen Alltag immer nur so lange eine Rolle spielt, wie die Nachbarn zugucken.

Der Markt lässt sich gerade so wunderbar predigen wie ein Jahwe oder ein Allah sich predigen lassen, allerdings mit dem überragenden Vorteil, dass man sich als Priester nicht extra umziehen muss für den Gottesdienst. Wer wie ich stets sein Ungeschick beim Bügeln verflucht, wird das nachvollziehen können. Und wie der Christengott lässt sich auch der Markt hervorragend zum Leuchtfeuer für Kreuzzüge in seinem Namen erheben und hat dabei noch den Vorteil, dass man keine uralten Schriften finden wird, die irgendeinen Wisch von Friede auf Erden und Nächstenliebe damit in Verbindung bringen. So oder so steht es demnächst mit einem Priester der Marktreligion, einem Büttel des Neoliberalismus als oberstem Repräsentanten da. Wie angemessen für dieses neue Deutschland. Wir sind wieder wer und wer genau, dass sieht man bald sogar noch ein bisschen besser, wo doch die Neo-Deutschland innewohnende Wahrheit des Horst Köhler es munter umschwebt und umkreist und ihr Glanz selbst das afghanische Dunkel grell und aufdringlich beleuchtet.

Das einzig richtige für alle beteiligten Parteien in Afghanistan wäre ein schneller Abzug aus dem betroffenen Gebiet, Stärkung bzw. Ausbau der vor Ort vorhandenen Ordnungskräfte und ansonsten jede zivile und friedfertige Hilfestellung, die man dem Lande gewähren kann, ohne die eigenen oder dortigen Leben aufs Spiel zu setzen. Es kann schlichtweg nicht Angelegenheit der Staatengemeinschaft sein, den Bürgerkrieg für ein souveränes Land auszufechten, denn die Staatengemeinschaft wäre dabei aus Perspektive der reichlich vorhandenen und zu erwartenden Opfer stets in der Rolle des Ursupators, des Besatzers, gegen den man aufbegehren muss. Das längst  heraufbeschworene Bedrohungsszenario wird durch solche Handlungen nur verstärkt und kann dadurch nur noch leichter instrumentalisiert werden, das ist Konsequenz Nummer 1. Konsequenz Nummer 2 ist ein kontinuierlich anhaltender Kriegszustand zwischen den UN-Kräften und den Befreiungskämpfern (was sind Terroristen anderes als selbsternannte Befreiungskämpfer? Wenn auch die Gegenseite einen anderen Namen für sie hat, sie werden sich immer als solche betrachten) mit der Bevölkerung in der Schusslinie und ohne absehbares Ende jenseits der unrealistischen völligen Auslöschung von Taliban, Warlords und deren Anhängern und Sympathisanten.

Mit dem Krieg ist in „AStan“ schlichtweg nichts zu gewinnen. Warum beharren so viele von uns also darauf, dass er unbedingt gewonnen werden muss? Abgesehen davon, dass das kaum möglich ist (siehe Vietnam, siehe Korea…), insbesondere, wenn sich die Bevölkerung des Landes unter sich nicht einigen kann – schon allein deswegen nicht, weil man ständig vor Angriffen flüchten muss – was außer vielleicht einem erigierten Penis haben wir von einem Sieg in Afghanistan? Opfer, Witwen, Waisen, Kosten und eine Pipeline, mehr nicht. Profitieren wir als Gesellschaft davon? Wohl kaum. Einige Individuen vermutlich; aller Wahrscheinlichkeit nach diejenigen, die auch vom aktuellen Status Quo, dem Kriegszustand, profitieren. Aber immerhin hat Deutschland dann auch endlich mal einen echten Kriegs-Präsidenten. Da rückt die Augenhöhe mit den USA doch wieder ein klein winzig näher!

Geschrieben von listior

06/30/2010 um 11:50

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