Fatal Urge

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Archiv für die Kategorie ‘Arbeit, der Abgrund des Lebens

“Wochenend und …” ach, wem etwas vormachen?

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Achja, das Wochenende…segensreicher Fronlohn nach langer Leidenszeit! Ist es nicht herrlich, am Ende des Abgrunds die lustige, kleine Gasfunzel zu sehen, die zwar ihren Brennstoff spätestens nach zweieinhalb Tagen aufgebraucht hat, aber immerhin so wunderbar warm, hell und herrlich leuchtet, dass man das anschließende Erlöschen erstmal wirkungsvoll verdrängt? Und wie gesegnet ist man erst, wenn man einen Job hat, wo dieses phänomenale Flämmchen bereits am Freitagmittag lodert und leuchtet wie siebeneinhalb wunderschöne Nordlichter über dem Eishaus des Weihnachtsmannes am 25.12? Naja, normalerweise jedenfalls, wäre man nicht so unendlich dumm, irgendwelche nutzlosen Lehrgänge zu machen, die einem abverlangen, am Freitag aber spätestens die Hausaufgaben vom Donnerstag zu machen und dann am Samstag morgens gen fünf aus den Federn zu kriechen, um erst gen 15.00 Uhr langsam in den Wochenendmodus einzutreten.

Wieder naja, wieder normalerweise jedenfalls, denn wie wir alle wissen (und die, die es immer noch nicht gepeilt haben, sollten jetzt wirklich langsam aufwachen): Am Sonntag ist auch noch geile Bundestagswahl, yeah. Davon war schon die Rede, deshalb nichts mehr dazu. Höchstens die Anmerkung, dass nach einer Umfrage des ZDF (Zirca Demokratisches Fernsehen) bisher 40% der Wahlberechtigten noch keinen Schimmer haben, wen sie verdammtnochmal wählen sollen und deswegen alle anderen repräsentativen Umfragen unter den Bürgern (ich gehöre irgendwie nie zu diesen Bürgern. Ihr vielleicht?) mit Vorsicht zu genießen sind. Persönlich steht aus meiner Sicht ja nichts gegen die fällige Abwahl von Angela Merkel, selbst F.W. Steinmeier nicht, der ohnehin in den selben Öltopf wie Angie gehörte, würden die denn endlich mal den Weg aus dem Mustopf finden. Aber die Angst vor den Kommunisten ist mindestens so groß wie die Ignoranz der Sozialdemokraten, dass der Bürger sich eine echte Sozialpolitik von ihrem Haufen nun wirklich nicht mehr vorstellen kann und im Verhältnis ist die Größe auf dieser Seite der Gleichung  mindestens so massiv wie die Winzigkeit des Verständnisses auf Bürgerseite dafür ist, dass das Gesindel im Huckepack der FDP genau die Nasen in seinen Reihen weiß, die die fiese Finanzkrise, quasi aus ununbeflecktem Leibe heraus, geworfen haben. Bleiben die Grünen, deren Geschichte mit der Erfolgsmär von Rotgrün ausreichend erzählt ist.

Kein Wunder, dass kein Schwein weiß, was es nun am Sonntag machen soll. (KWIEK ist auf dem Wahlzettel ja wieder nicht zu finden.) Konsequent wäre vermutlich, die Stimme für eine kleine Partei abzugeben, mit der man in ein oder zwei gewichtigen Punkten übereinkommt. Aber da gibt’s ja schon wieder neue Märchenonkels, die beispielsweise so’n Piratennetz nicht so gut vom vielarmigen Fangnetz der Bruderschaft bräsiger Nationaldemokraten unterscheiden können. Wobei diese Märchenerzähler dann erstaunlicherweise gerne als fachmännische Fischvormkopfhaber nichts gegen die nicht minder feinmaschigen Fangnetze eines Herrn Petrus einzuwenden haben, was ja auch wieder schizophren ist. Außerdem ist der große NACHTEIL der Stimme für eine kleine Partei, dass sie fast immer im Gegenschluss auch eine Stimme für die falsche große Partei ist. Wobei man ernsthaft darüber nachdenken sollte, was einem Land überhaupt noch Übleres als eine große Koalition angeblich gemäßigten Marktradikalismus passieren könnte. Okay, vermutlich eine kleinere Koalition des nicht einmal angeblich gemäßigten Marktradikalismus*grübel* Es wird jedenfalls nicht leicht am Sonntag, Leute – aber tut um Himmels Willen das Richtige und helft dabei, diese „Gesellschaft“ mal wieder ein bisschen voran-, bzw. vielleicht eher zur Menschlichkeit zurückzubringen. Wichtig ist vor allem, dass man nach Gewissen abstimmt und nicht bloß nach Fresse oder Fahne.

Persönlich weiß ich, was ich am Sonntag zu tun habe. Ich weiß auch, wen ich wählen werde, keine Frage…aber das ist es nicht, was ich meine. Was ich meine ist der ZWEITE Teil meines versauten Wochenendes. Nicht genug, dass für den Samstag ekelhafterweise in unsere eigentlich unbelegten Verfügungsstunden ein Trio investitions- und finanzierungsrechnender Doppelstunden bei einem offiziell inoffiziellem Ehepaar gelegt wurde, dass vermutlich an einem voraussichtlich schönen Frühherbstsamstag nichts besseres zutun hat, als 13 vergleichsweise harmlose Menschen mit Zahlen zu malträtieren. Das allein wäre schlimm genug! Nein, am Sonntag werde ich, nachdem ich die Überdosis uninteressante wie unnötig komplizierte (und m.E. letztendlich doch nur fiktive) Zahlen tags zuvor überlebt habe, wie eigentlich alle Angestellten meiner Kommune (wie der meisten Behörden in der Gegend) eingesetzt werden, um der provinziellen, überalterten Käffchenbevölkerung beim CDUwählen zu helfen.

Eigentlich finde ich, dass ich nach einer Woche Elend und Fron durchaus verdient habe, auch mal ausschlafen zu können. Wird mir dies nun schon am Samstag verwehrt, so bin ich das wenigstens gewohnt: Jeden ersten, dritten und fünften Samstag haben wir im Institut zu erscheinen und weitgehend praxisfern vollgelabert und genervt zu werden. Die Schlaumeier unter Euch werden jetzt kreischen, dass der 26ste ja erst der VIERTE Samstag im Monat und ich ein großer, dicker Dummi bin. Stimmt schon…aber werft doch bitte mal einen Blick auf den ERSTEN Samstag des Monats Oktober, der der nächste Samstag in diesem Jahr sein wird. Ja, da wird das Nationaldrümmelherz ganz weich, warm und kuschelig: Ui, der DRITTE OKTOBER! Der TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT! Der große FEIERTAG unserer herrlichen NATION!!!!111EINSEINS!!1 Schande haben wir doch ein Glück, oder? Dass wir diesen GEILEN Nationalfeiertag haben, wo sich unsere Überschuldung jährt, erfolglos Ausschau nach blühenden Landschaften gehalten wird und wo sich der eine oder andere niedergeschlagene Mensch in Chemnitz, Dresden, Schwerin, Magdeburg und so weiter schmerzhaft daran erinnert, dass er VORHER mal einen Job und eine Zukunft hatte. Vermutlich keine schöne und sicherlich in einem Unrechtssystem. Der Vorteil dieses Systems war, dass dort jedermann leicht realisieren konnte, dass es Unrecht war. Das Unrecht in unserem System, in das diese Leute so glücklich hereingerutscht sind, findet nur auf einer anderen, ein wenig subtileren Ebene ab und wirklich und unmittelbar gespürt wird das halt nur von den Leuten, die sich entweder ganz unten aufhalten in der Klassen- bzw. natürlich SCHICHTENpyramide (denn schließlich ist unsere Gesellschaft klassenlos, richtig? Nee, Klasse hat sie wirklich keine…) oder aber ganz oben. Und wir vermutlich feiern, dass wir bisher weder zu der einen, noch zu der anderen Gruppe gehören und uns deswegen in Ignoranz suhlen können.

Es ist, um es kurz zu machen, schlichtweg so, dass mein Lehrgang prinzipiell ausfällt, wenn der entsprechende Sams- oder Donnerstag (das Ding läuft, ähnlich wie mein A² bis letztes Jahr, jeden Donnerstag und alle paar Samstage) auf einen Feiertag fällt. Unsere Dozenten gehören im Regelfall zu den Gewinnern des Gesellschaftslottos und haben insofern am Dritten Oktober auf unsere Dummheit anzustoßen, weswegen es nicht möglich ist, sie dazu zu bewegen, trotzdem zum Unterricht zu kommen. Okay, wenn ich dort in der Verwaltung arbeiten würde, ich sähe auch nicht ein, auf meinen Feiertag zu verzichten, zumal wir in Niedersachsen nur noch so wenige davon haben dürfen. Vielleicht wird ja eines Tages wenigstens der Geburtstag von Christian „Landespappi“ Wulff zu einem solchen erklärt; spätestens, wenn er dann doch endlich Kanzler ist und das wundervolle niedersächsische Wesen ganz deutlich zur Genesung zwingt…

Kommt es insofern einmal tatsächlich dazu, dass durch einen Feiertag unser Streben nach „buchhaltérischer“ Erkenntnis (die Dozenten betonen dieses e andauernd so übermäßig; ähnlich wie die Moderatoren einst auch von mir verfolgter Games-Sendungen fälschlicherweise sein Geschwisterchen in „Charaktér“. Die Einzahl von „Charakte(eeee)re“ ist schlicht „Charakter“, ihr Dödel) im Kein erstickt und unterbrochen wird, dann wird der entsprechende Léhrgangstag auf einen Samstag vor oder nach dem eigentlichen Termin verschoben. Der 26.09. wäre eigentlich frei und diese Regelung angesichts der Wahlverpflichtungen der Behördenmitarbeiter sehr günstig gewesen. Aber das Finanzierungsehepaar (das man nicht so nennen darf; schließlich sind das beides studierte Leute und darauf darf der Teutsche sich nach wie vor etwas einbilden, obwohl die Hochschule entweder von Papi oder dem Rest von uns bezahlt worden ist; schon seltsam) musste uns dieses Tüpfelchen Freiheit leider unbedingt nehmen. Vermutlich machen die eh Briefwahl und haben als FDP-Wähler etwa siebenhundert Ausreden parat, wenn sie jemand zu einem ehrenamtlichen Einsatz verpflichten will. Deswegen heißt es also schon am Samstag: Aufstehen um fünf, durchhalten bis fünfZEHN.

Am Sonntag heißt es erst aufstehen um halb sieben, schließlich muss der stellvertretende Wahlvorsteher erst um 7.30 Uhr am Wahllokal bereitstehen. Weiß noch nicht, ob ich auch aufschließen muss; dann müsste der Kollege mir Freitag dringend noch den Schlüssel übergeben. Die Wahl beginnt um acht, bzw. bei uns kurz vor- oder nach dem Sonntagsgottesdienst; je danach, ob Kathole oder Ketzer. Vorher müssen die Wahlurnen aufgestellt und versiegelt werden, der Wahlraum eingerichtet, die Kabinen eingerichtet und so weiter. Man bekommt für diesen Dienst an den Massen einen Tageslohn (bzw. eine Aufwandsentschädigung) von 30,00 Euro. Meist ist das nicht unbedingt der Betrag, der die anwesenden Wahlhelfer dazu motivieren könnte, sich leidenschaftlich zu engagieren. Ich indes kann diese Minifinanzspritze meist ganz gut brauchen. Und doch ist mir Geld wirklich noch nie so wichtig wie mein Schlaf gewesen. Irgendwann stellt sich die Erkenntnis ein, dass man ohne Geld schwerlich einen Platz zum Schlafen findet…aber grundsätzlich würde ich, denke ich, den Schlaf vorziehen, so ich ihn irgendwo ausüben kann. Speziell nach einer so anstrengenden Woche wie dieser.

Aber mein Wochenende steht unter dem Zeichen von Pflicht und Engagement (mit anschließender Ernüchterung ob der Zahlenmacht, bzw. Entrüstung über die Stumpfheit des Wahlviehs). Durch meine umfassenden Verpflichtungen macht es außerdem keinen Sinn, dass, wie sonst, meine Freundin über das Wochenende die Reise ins Kaff auf sich nimmt, so dass man sich gen 19.00 am Sonntag ausschließlich auf deprimierende Hochrechnungen freuen kann, anstatt auf einen liebevollen Kuss. Und dann ist wieder Montag und die nächste Schulung steht an.

Geschrieben von listior

09/23/2009 um 20:19

Hallo Blogleser!

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Ich hoffe, Ihr erinnert Euch noch an mich und stellt mit Befriedigung fest, dass nach der kein Schwein (nur ein paar wenige nette Menschen: Danke) interessierenden Avatarwahl der zwinkernde Locke entsprechend der knappen Mehrheitsmeinung den Thron zurückerobert hat.

Ich habe mich unverantwortlich rar gemacht in den letzten Monaten und das wird weitgehend wohl auch so bleiben, weil ich arbeitsmäßig momentan (nicht zuletzt auch aus eigener Schuld) ziemlich beansprucht bin, deswegen meist wirklich lange in meinem ungeliebten Büro über meinem ungeliebten Chaos hocke und mir die wenige Freizeit, die mir neben dem notwendigen bißchen Familie und Freunden noch bleibt eher nicht primär ins Internet investieren mag. Nicht, dass ich das Medium und seine Protagonisten und Antagonisten plötzlich geringschätzen würde aber schon lange vor dem WWW hatte ich durchaus noch andere Interessen und die kommen mir seit viel zu langer Zeit viel zu kurz. Insbesondere ist es einfach unhaltbar, dass ich ewig nichts geschrieben habe und selbst lobenswerte Reviews freundlicher junger Leute namens Squall Shur’tug zu meinem stiefväterlich behandelten einzigen Baby namens Reliquien einer Vision, bzw. lektorische Bemühungen fleißiger Menschen namens laverne zum gleichen Thema bisher nicht im geringsten so würdige, wie ich es eigentlich sollte. Auch ist eigentlich unhaltbar, dass ich mit der nächsten Episode, die ja tatsächlich von ein paar Leuten mit Interesse erwartet wird, nicht weiterkomme.

Aber der Job ist nicht alles (wenn auch das, was mir die meiste Energie raubt): Seit Ende September war ich hier bei mir zu Hause mit meinem internen Umzug beschäftigt, der nun weitgehend abgeschlossen ist. Ich brenne darauf, ein wenig über meine definitiv gestiegene Wohnkultur zu bloggen aber um das tun zu können brauche ich erst eine kompetente Kamera und die habe ich noch nicht, weswegen das auch dieses Mal, nach zwei Monaten Schweigen, noch ausfallen muß. So oder so finde ich das Abhängen in meinem bescheidenen Reich momentan auch noch so entspannend, dass ich mich schwerlich zu Konstruktivem aufraffen kann. Für ein Heim fehlt freilich nach wie vor das allerwichtigste, nämlich jemand, der es mit einem teilt aber wer wie ich sein Erwachsenendasein überwiegend in separaten Räumen, die keinerlei einheitlichen Wohnungscharakter besaßen, verbracht hat, fühlt sich trotzdem plötzlich auf kuriose Art und Weise menschlich ein bißchen weiter und vollständiger. Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere das schwer nachvollziehbar findet. Andererseits habe ich aber auch niemals behauptet, ein sehr durchsichtiger und vernünftiger Charakter zu sein

Freundlicherweise werde ich diesen Monat mit einem erklecklichen Anteil Weihnachtsgeld bedacht werden (aufgrund meiner Tendenz, in Windeseile mein Konto durch den Erwerb von kleinen Alltagsfreuden mit Durchhaltezwecken zu überziehen, habe ich bisher nicht nachgeschaut, ob ich nicht vielleicht schon bedacht WURDE. Auf dem Konto sein muß das Geld erst am letzten Tag des Monats und so werde ich mich noch ein wenig gedulden. Jedenfalls sollte der freundliche Bonus mich in die Lage versetzen, mir eine funktionsfähige Kamera zu besorgen – unter anderem. Freilich ist das auch sehr abhängig davon, was nach Abzug meines vermutlich nicht unscheinbaren Dispos insgesamt noch von dem Geldsegen übrig ist… schließlich ist Weihnachten und auch, wenn es in meiner ausgesprochen trostlosen Existenz ja leider nach wie vor keine liebende Seele gibt, der ich mit einem möglichst wundervollen Geschenk den Atem rauben müßte, ist diese Jahreszeit ja leider trotzdem mit einigen Kosten verbunden. Außerdem fehlt mir nach wie vor das eine oder andere an Wohnungsausstattung, insbesondere in der Küche besteht da noch ein gewisser Nachholbedarf am notwendigen Instrumentarium. Dazu gehört vermutlich nicht unbedingt die Druckhebel-Espressomaschine, hinter der ich bei Ebay gerade herlaufe und die ein entsetzlich dummer Bieter vor ein paar Stunden viel zu früh in den Bereich meines angedachten Maximalbudgets für das Gerät gebracht hat. Mögen Deine Lenden Ungeziefer und Ratten zeugen, Du Blödmann!

Beruflich zeigt sich bei mir gerade zum ersten Mal das Äquivalent eines Silberstreifs am Horizont. Tatsächlich wurde in der vorvergangenen Woche eine Stelle im Sozialamt ausgeschrieben. Sicherlich nicht mein Lieblingsbereich aber unterm Strich sehne ich mich vor allem nach einer Sache, nämlich einer Veränderung, bzw. einem Wechsel aus meinem aktuellen, ermüdenden und frustrierenden Aufgabengebiet irgendwo anders hin. Meine Chefetage hatte indes andere Pläne mit mir, die meinen Vorlieben letztendlich auch nicht gerade schmeicheln aber zumindest eine einträgliche, bedeutsame und einflußreiche Position in Aussicht stellen und damit wohl das, was meinem Zenit im öffentlichen Dienst am nächsten kommen dürfte, denn für meine eigentlichen Interessen und Talente hat man dort leider so gar keine Verwendung. So schmerzlich es ist aber einen falscheren Weg hätte ich schlichtweg seinerzeit so übereilt kaum einschlagen können. Umso erfreulicher, dass ich zumindest einer beratenden und sehr verantwortlichen Tätigkeit werde nachgehen können ab dem Frühjahr.

Damit verbunden ist leider auch ein neuer Weiterqualifizierungslehrgang ähnlich dem, den ich erst vor einigen (gefühlten) Stunden solid-erfolgreich abgeschlossen habe. Ab Mitte März erwartet mich insofern erneut eine beinharte Zeit mit einigem Leistungsdruck. Man wird dort ziemlich leidenschaftlich gedrüclt; nicht umsonst hat einer meiner Kollegen genau diesen Lehrgang vor zwei Jahren abgebrochen und war daraufhin erstmal ein gutes halbes Jahr aus psychischen Gründen arbeitsunfähig krankgeschrieben. Mündlich wurde mir vom Oberchef dafür diesmal eine umfassende Freistellung zugesichert, die auch meine Bedingung war, wenn ich den vakanten Posten tatsächlich ausfüllen sollte, Änderungssehnsucht hin oder her. Parallel zu meiner mich auslaugenden jetzigen unbefriedigenden Tätigkeit voller Baustellen und Unausgegorenheiten kann ich keine wirtschaftsorientierte Weiterqualifikation schaffen; das fiele mir schon schwer genug, wenn ich völlig von der Arbeit befreit wäre in dieser Zeit (weil es mir schlichtweg auch an Ausgleich fehlt, bzw. an Gelegenheit und Zeit dafür).

Der Zusage des Oberchefs knallte aber sofort ein Veto der Personalkoordinatorin entgegen, die zumindest eine Überganszeit über den 31.12. hinaus für unentbehrlich hält. Damit hatte ich ohnehin gerechnet, deswegen kann ich damit leben, wie ebenfalls mit der nur zu verständlichen Verpflichtung, nach Bestehen des Lehrganges, der vom Arbeitgeber finanziert wird, nicht vor Ablauf einer angemessenen Frist bei jemand anderem in Lohn und Brot zu gehen. Als würde ich mich um eine weitere Tätigkeit im öD reißen, wenn ich dadurch jetzt nicht einen Arbeitsweg von knapp sieben Minuten per Pedes hätte und im abbezahlten Eigenheim wohnen könnte
Trotzdem versetzt mich der Abschluß als “Bilanzbuchhalter”, sollte ich ihn erringen, in die angenehme Position, auch für einen Job in der Privatwirtschaft qualifiziert zu sein, wenn auch für einen der Langweiligsten und meinem Wesen wohl fremdesten Job, den man dort bekommen kann – was, wie ich übrigens finde, nichts als allerherrlichste Ironie ist.

Bis dahin ist es allerdings zumindest inhaltlich noch ein recht weiter Weg mit allerlei Hürden und Untiefen, die es zu überwinden gilt, die zu überwinden ich monentan allerdings auch nicht die geringste Lust habe. Grundsätzlich möchte ich momentan vor allem eins: Mich in meinem Bett oder auf meinem Sofa verkriechen, Musik hören, Nabelschau betreiben und Gedanken und Phantasie treiben lassen. Seit Anfang meines im Juli abgeschlossenen Lehrgangs, spätestens jedoch seit meiner unfreiwilligen Trennung hatte ich dazu kaum Gelegenheit und definitiv nicht ein Minimum der notwendigen Muße und Ausgeglichenheit. Letztendlich bin ich vollkommen leer und ausgebrannt und nicht in der Lage, meinen Kopf auf ausreichende Weise frei zu bekommen, um mich selbst wiederzufinden, befürchte ich.

Deswegen freue ich mich trotz der Tatsache, dass ich mit dem Fest der Liebe momentan wenig anzufangen weiß, auf die Weihnachtsfeiertage, weil sie zumindest eine längere und friedliche Atempause bedeuten werden. Auch hoffe ich darauf, dass ich mein Schreibtischchaos in den kommenden Wochen zumindest so weit in den Griff bekommen kann, dass ich vor Antritt meiner neuesten großen Herausforderung im März einige Wochen echten Urlaub werde nehmen können, den ich im Grunde seit 2006 nicht mehr im Kleinen und seit etlichen Jahren nicht mehr im großen gehabt habe.

Wer mag, ist eingeladen, mir dazu die Daumen zu drücken.

Geschrieben von listior

11/27/2008 um 23:17

Die Rückkehr der Kanadagänse

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Eine, eine ist wieder da, wie ich gestern…nein, wir haben ja schon heute…also VORgestern auf dem Weg zur Mittagspause mehr zufällig entdeckte. Ein paar (alte, doch der Hinweis erübrigt sich wohl) Touristen beugten sich WEIIIT über die ehemalige Befestigungsmauer der Steinbrücke, die seit 1360 zum Schloss führt – in dem sich auch meine zwei Büros befinden. Man nennt es Schloss, doch bei seiner Gründung im Jahre 1344 handelte es sich tatsächlich um eine Burg, eine Befestigungsanlage, die unsere Gegend vor dem schädlichen Einfluss des Grafen von Tecklenburg schützen sollte – was sicher jeder unbedingt wissen wollte, nehme ich an.


Schloss von der großen Insel im Teich gesehen; die Steinbrücke ist auf der anderen Seite

Als die Zeiten des Krieges so langsam begannen, abzuebben, wurde die ehemalige Festungsanlage umfunktioniert zur Sommerresidenz des Osnabrücker Fürstbischofen (der den Burgbau seinerzeit auch in Auftrag gegeben hatte). Aus dieser Zeit stammt auch der Zwiebelturm, der zuvor nur ein flacher Bergfried gewesen war und die vier umliegenden turmartigen Bastionen ergänzen sollte (von denen gerade mal wieder eine halbwegs hergestllt worden ist, während die anderen drei verfaulen. Eine dient gar als Futteral für die Wurzeln eines kleinen, auf ihren einstigen Zinnen wachsenden Wäldchens). Über die Jahre und mit zunehmender Bedeutungslosigkeit des Fürstbischofstums geriet das Schloss in die Fänge eines Raubritters, der allerlei Unheil in der Gegend anzurichten pflegte. Dann kamen irgendwann der 30jährige Krieg (in dem das Kaff eine kleine Rolle spielen durfte; ein Friedensbote hatte wohl hier genächtigt und wenn ich mich recht entsinne sind ein paar Verträge auch hier unterzeichnet worden), Belagerung und Verbrennung der halben Stadt durch die Schweden

Meiner Treu, was für finst’re Gesellen, diese Schweden! Ja, SCHWEDEN. Einen dänischen Koch gibt es nur in der deutschen Version der Muppet Show. Elende Klugscheißer…

und irgendwann etwas noch Schlimmeres, nämlich die Judikative. Eine Weile fungierte das Schloss als Amtsgericht und der Richter, der es auch bewohnte, hatte, wie alten Bildern wunderbar zu entnehmen ist, im heutigen Bürgerpark einen wahrhaftig bildschönen und riesigen Garten. Bei der Umwandlung von Burg zu Schloss wurden damals schließlich auch die Schutzwälle abgebrochen und die mehrschichtigen Burggräben zu einem Wasserlauf zusammengefasst, um den jetzigen die Schlossinsel umschmeichelnden Teich anzulegen. Dort siedelte sich alsbald allerlei Schwimmgetier an; Enten freilich, Schwäne, fette Fische (die zu angeln durch mehrere Schilder in russischer und deutscher Sprache heute ausdrücklich verboten ist) Fischreiher, Wasserhünchen und neben anderen Gänsen auch besagte Kanadagänse.

Mir ist schon bewusst, dass die Viecher optisch nicht viel hermachen…und man sieht sie ja auch nicht gerade selten. Hier vor Ort allerdings hat man sehr lange keine Kanadagans mehr auf dem Teich gesehen und der Grund dafür sind überaggressive Schwäne. Noch vor einigen Jahren flanierte über Ufer und Böschungen (und manchmal auch die Hauptstraße) ein männlicher weißer Höckerschwan. Das Tier war eines der letzten aus der Zeit, als es hier in F. noch umfassende Wasservogelpopulationen auf dem Teich gegeben hat. Neben dem nach wie vor ordentlichen Entenbestand (wobei die auch weggefangen und anscheinend gegessen werden) hatte es trotzdem lange Zeit nur das eine weiße Schwanenpärchen gegeben. Es gelang den Tieren nicht, mit ihrer Brut erfolgreich zu sein, weil die Eier, die sie wegen der peinlichen Unzugänglichkeit der vorgesehenen Brutinseln am Ufer legten, von Idioten und ihren Tieren (oder andersherum) geraubt oder zerstört wurden.

Erster Wurf des neuen Paares in 2006. Der ältere Herr ist mir nicht bekannt, ebenso wenig sein aktueller Lebenstatus.

Irgendwann setzten die Schwäne sich zur Wehr, mit dem Ergebnis, dass eines Morgens das Weibchen totgeschlagen am Wasser gefunden wurde, während das Männchen sie und das zerstörte Nest wild entschlossen verteidigte. Seit dem Verlust seines Weibchens machte das Männchen sich regelmäßig auf die Suche nach ihm, konnte es aber natürlich nicht finden und weitere sein Suchgebiet deshalb immer weiter aus. Auch wurde der Schwan immer aggressiver, so, dass er letztendlich nicht mehr haltbar für die Stadt war. Anfangs versuchte man ihn durch ein neues Weibchen zu besänftigen aber auch mit ihr gab es keine weiteren Bruterfolge. Noch schlimmer: Auch dieses Weibchen wurde eines Nachts das Opfer von durchgedrehten Schwachköpfen. Letztendlich wurde das wildgewordenen Männchen an eine Schwanenfarm abgegeben und im Gegenzug wurden neue Schwäne beschafft; ein weißes Päärchen und ein Paar sogenannter Trauerschwäne.

Doch diese beiden Arten vertrugen sich nicht sonderlich; das weiße Männchen griff unentwegt das schwarze Männchen an. Eines Tages war der Angriff so heftig, dass das knapp entkommene Männchen sich im Gebüsch unter meinem Bürofenster verkroch und ich mich stundenlang fragte, was da so jämmerlich vor sich hinquiekte. Schließlich wurden die schwarzen Schwäne auf ein großes Regenrückhaltebecken verfrachtet, wo sie nun unter der besonderen Obhut des wichtigtuerischen neuen Bürgermeisters, eines ehemaligen Bundeswehrhauptmanns mit entsprechenden Umgangsformen (nein, ich mag ihn wirklich nicht), standen. Dort sollen sie gut Fuß gefasst und tatsächlich Nachwuchs erhalten haben. Doch die weißen Höckerschwäne waren um ein wesentliches aktiver als die dunklen Vögel. Seit ihrer Ansiedelung haben sie jedes Jahr ein volles Gelege und glücklicherweise und auch durch besonderen Schutz der Stadt und insbesondere eines sehr engagierten Bauhofmitarbeiters überleben die meisten Küken, wobei schon allein der aufmerksam hinschauenden Tierschutzvereine wegen freilich nur der schädliche Einfluss durch den Menschen abgemildert wird, um die natürliche Auslese nicht zu behindern.

Aktueller Wurf der Höckerschwäne auf dem Schlossteich

Wie kam ich jetzt auf die Schwäne? Achja, richtig, die Kanadagans. Man mag sich fragen, was ich für ein Interesse an der Wasservogelpopulation in meinem nicht sehr geliebten Heimatkaff habe. Auch andere Menschen in diesem, meinem Kaff können sich erfreulicherweise heutzutage anderen Problemen widmen als Kriegen, Raubrittern und blödsinnigem Vogelmord (siehe weiter unten). Nun, einerseits bin ich ein großer Vogelfreund. Dank des verdammten Hundes kann ich zwar selbst keine halten (und eigentlich widerstrebt mir das trotz aller Freude, die ein exotisches Gefiedergemisch im Hinterhof einem bereiten kann auch ziemlich; Vögel gehören möglichst nicht in Käfige) aber ich höre und sehe sie trotzdem gerne. Außerdem habe ich bestimmt schon oft den genialen [/url=http://de.wikipedia.org/wiki/Beo]Beo[/url] erwähnt, den meine Familie eine Weile hatte, der sprechen und singen und pfeifen konnte, dass einem die Ohren schmerzten. Schwäne und dergleichen sind zwar nicht unbedingt meine Lieblinge am Himmel und im Wasser aber trotzdem rühren die Wasservögel auf dem Schlossteich etwas in mir an. Der Grund dafür ist wie so vieles in der Kindheit zu suchen.

Nach Krieg, Brand, Tod und Vogelabzug folgten modernere kleinstädtische Sorgen. Trotzdem…niedlich oder?*G*

Meine Grundschule, heute ein Ärztehaus mit Apotheke, stand direkt am Wasser des Teiches gegenüber der oben erwähnten erhaltenen Bastion. Als relativ einsames Kind, das ich war, stand ich in traurigen Pausen nicht selten hinter dem Zaun direkt am Ufer, sah den Enten, Gänsen und Schwänen bei ihrem täglichen Geschäft zu und fühlte mich einigermaßen geborgen und unterhalten. Irgendwann begann ich den Tieren sogar Namen zu geben (nicht, dass ich tatsächlich sie hätte auseinanderhalten können aber so konnte ich mir Geschichten über sie ausdenken) was ein ehemaliger Mitschüler (Schulkollege, Schulkamerad oder Schulfreund sind weitaus zu schöne und freundliche Wort, um dieses saublöde Arschloch zu umschreiben) seinerzeit von mir brühwarm erzählt bekam und womit er erbärmlicherweise noch heute versucht, mich aufzuziehen, weil er schlichtweg nichts begriffen hat seit wir sechs Jahre alt waren, sich selbst eingeschlossen. Damals jedenfalls war der Teich noch voll von Wasservögeln und auch die Kanadagänse waren noch in solider Zahl vorhanden.

Steinbrücke zum Schloss mit Blick auf die, äh, belebte Innenstadt. Der Daumen gehört mir, die Dame mit dem Hund ist mir ebenfalls unbekannt. Da das Photo jedoch erst heute entstand, dürfte sie zumindest noch leben, wie auch ihr Hund.

Mit jedem Jahr wurden es jedoch weniger und weniger Vögel. Während zu meiner Grundschulzeit bis zum Schluss noch allerlei Gewimmel auf dem Teich war, nahm die Zahl der Tiere trotzdem mit jedem Jahr immer weiter ab. Bis vor vielleicht drei Jahren waren kaum noch 20 Enten auf dem Teich zu finden, keinerlei Gänse mehr und nur das eine Schwanenmännchen auf der verzweifelten Suche nach seiner Partnerin. Durch die Neuansiedelung der Schwäne 2006 wurden jedoch plötzlich weitere Wassertiere angelockt, die F. vermutlich ebenso wie ich zuvor nur als Ort wahrgenommen hatten, den man zum Sterben aufsucht. Zwar ist das bei den Tieren der Sorte Mensch nach wie vor der Fall, Wassertiere jedoch fühlen sich langsam wieder heimisch. Vermutlich, weil durch den Schwanenschutz letztendlich doch auch so mancher Räuber abgeschreckt wird und es kaum noch zu Störungen durch Menschen kommt. Angeblich findet sich im Teich inzwischen sogar eine ausgesetzte Schmuckschildkröte und wächst ins unermessliche. Persönlich entdecke ich immer nur Bisamratten auf meinen Hundetouren. Aber es gibt erstaunlich viele Schwäne, wieder wesentlich mehr Entchen, mehr Wasserhühnchen (was vermutlich nicht der korrekte Name dieser Art ist aber sei’s drum), mindestens einen Fischreiher und seit Vorgestern eine Kanadagans.

Schloss im auch hier immer seltener werdenden Winter

Es gibt wenig Dinge aus meiner Kinderzeit, an die mich gerne zurückerinnere aber die Wasservögel auf dem Teich und ihr Mitgeviech gehören eindeutig dazu. Für mich stellten sie immer eine Oase der Ruhe und des Friedens dar, ein Symbol dafür, was eigentlich Natur, Leben und Koexistenz bedeuten und ich werde sie immer als Ort in Erinnerung behalten, an den ich mich flüchten konnte, wenn ich mich in der Schule mal wieder garnicht wohlfühlen konnte. Es war traurig für mich, als ich die Grundschule und diesen kleinen Ort merkwürdigen, vielleicht aus der Sicht mancher Leser armseligen Friedens verlassen musste um auf die Gesamtschule zu wechseln. Die hatte auch einen Teich im Rahmen eines Biotops aber der war winzig und natürlich nicht so mit Leben erfüllt wie mein gewohnter Teich. Jedenfalls nicht mit der Sorte Leben, die mit dem bloßen Auge sichtbar ist. Wenn es darum ging, Ein- und kleine Mehrzeller per Mikroskop zu beobachten, eignete sich der Biotopteich aufs Wunderbarste. Aber für einen einsamen kleinen Jungen war da nicht viel zu holen. Umso besser war es da, dass ich aber der fünften nicht mehr so sehr mit Einsamkeit und Unglücklichkeit zu kämpfen hatte und über einige Freundinnen und Freunde wie auch über ein gewisses Ansehen verfügte, die mich davor bewahrten, den Einzellern Namen geben zu müssen und dafür (dann vielleicht auch zurecht) von meinem auch damals in der Gesamtschule leider noch vorhandenen ätzenden Mitschüler heute noch aufgezogen zu werden.

Trotzdem habe ich mir seit Jahr und Tag eine gewisse Faszination für das Wasser erhalten. Vielleicht liegt der Grund dafür auch mal wieder in meiner Kindheit zu suchen, weil wir zu der Zeit oft mit meiner Mutter an der Nordsee in gruseligen Campingsiedlungen Urlaub machten, während mein Vater aufgrund der ungebrochenen Strenge der bereits erwähnten Oma Aeytsch zu Hause bleiben und Getier töten musste. Camping ist etwas, das ich heute kaum bis keinesfalls mehr machen würde, jedenfalls nicht im Mietanhänger auf irgendwelchen offiziellen Campingplätzen. Durch’s Land zu ziehen und seine Zelte ganz nach Lust irgendwo aufzuschlagen hat noch immer einen gewaltigen Reiz für mich aber ich ziehe dann wirklich eher das Zelt vor, keinen Campinganhänger, kein gruseliges Wohnmobil.

Mich fasziniert die Freiheit und Weite des Meeres, die Möglichkeit, sich nur mit der Kraft des Windes fortzubewegen, die raue Natur auf See und der ebenbürtige Kampf mit ihr. Sicherlich ist vieles davon romantische Illusion und heutzutage ebenso wenig wahr wie früher, als ein Leben auf See gleichbedeutend mit Lebensgefahr war, die Arbeit an Bord wahre Knochenquälerei, die Heuer winzig aber doch hoch genug, um reizvoll für jemanden zu sein, der eine Familie durchbringen musste, die Matrosen grob und nicht unbedingt kultiviert und das Überleben an Deck ebenso riskant wie die Fahrt an sich. Trotzdem zieht mich das Meer mit einer Magie an, die ich kaum begreifen und fassen kann. Ich erinnere mich bruchstückhaft an meine kindlichen Urlaubsreisen, wenn weit am Horizont ein Frachter auf Fahrt irgendwo hin war und ich ihn in der aufbrausenden See oder im goldenen Sonnenschein dahinziehen sehen konnte. Solche Bilder prägen sich ein und sie lassen einen fühlen, sich erinnern, assoziieren. Ich kann heute noch kein Bild von einem Meereshorizont mit graublauem Himmel und schwebenden Wolkengebirgen sehen, ohne nicht sehnsuchtsvoll aufzuseufzen.

Ich selbst war lange nicht mehr am Wasser. Wobei der kurze Aufenthalt an der Themse letztes Jahr, wo diese beiden Handyphotos entstanden sind

schon mal wieder sehr gut war, um ausgelutschte Batterien wieder aufzuladen. Ich hätte dort stundenlang sitzen und dünnes Bier schlabbern können aber unser Englischdozent hatte es ja so eilig… Leider mangelte es mir damals wie so oft an den notwendigen Finanzen, um ein paar Mitbringsel zu organisieren. Meiner Mutter mangelt es zwar auch an Kleingeld aber trotzdem hat sie es geschafft, ihren drei liebenswerten Kindern und zwei Enkelkindern etwas nettes vom Strand mitzubringen, als sie dort zusammen mit einer Dame, die ich, obwohl sie mir nach wie vor sehr zugetan sein soll und ich auch schon einige schöne Tage als Gast bei ihr und ihrem ersten verstorbenen Mann verbringen durfte, als ich noch klein war, nur als gebrechlich bezeichnen kann. An Körper eindeutig, und, wie ich manchmal fürchte, inzwischen auch zumindest ein wenig an Geist, was traurig ist. Jedenfalls zog sie mal wieder an den Strand von Dangast, wo meine kürzlich so abscheulich von ihrem Sohn getöteten Verwandten einen Wohnwagen angemietet hatten und untervermieteten, um ein bisschen Geld zu verdienen. Früher hatte sie oft in diesem Wohnwagen gewohnt, mit einer Freundin und meinen älteren Neffen. Doch den Wagen gibt es nicht mehr, ebenso wenig wie seine Besitzer. Die alte Dame hätte allerdings eh wohl kaum in so einem Ding wohnen können, also zogen die beiden in ein günstiges Hotel.

Meine Mutter weiß natürlich von meiner Wasserbesessenheit und sie weiß auch, vermutlich besser als die meisten anderen, meine Exfreundin ausgeschlossen, wie kindlich ich mehr oder weniger tief im Gemüt noch sein kann. Aber hey, wenn man es nicht gewohnt ist und als Kind nun auch nicht gerade verwöhnt wurde, wer würde sich da nicht über ein Geschenk von seiner Mutter freuen? Sie brachte mir etwas ausgesprochen Nützliches mit. Ich hatte freilich auch ihr gegenüber meine Begeisterung kundgetan, endlich mit einem Schlüssel für die Außentür des Schlosses bedacht worden zu sein und infolgedessen brachte sie mir etwas mit, das ich lange nicht gehabt hatte:

Einen Schlüsselanhänger in Form eines freundlichen Wals. Ich kann mir vorstellenm wie so mancher jetzt die Augen verdreht oder eine gewisse Belustigung nicht unterdrücken kann aber ich habe mich wirklich schon lange nicht mehr so über etwas gefreut, nimmt man vielleicht das Päckchen Black Stories aus, das mir laverne nicht ganz uneigennützig zu meiner bestandenen Prüfung geschenkt hat. Ich mag meinen Wal, ich finde ihn sympathisch und sein Anblick entlockt mir ein Lächeln. Bedenklich ist dabei nur eins und das stimmt mich nicht gerade rosig auf meine Zukunft ein: Das letzte Mal hatte mir Aeris Strife einen Schlüsselanhänger geschenkt. Eigentlich war es ein Amulett, welches man an einer dünnen Kette um den Hals tragen sollte, in Form der Gunblade von Squall Leonhart aus Final Fantasy VIII

Ja, ich bin ein nerdiger Fanboy. Und Aeris ist es zumindest damals auch noch gewesen, weswegen ich ihr Rinoas Kette mit Ring und einen Ring für den Finger geschenkt hatte. Nur damit Ihr, dass ich nicht der einzige Verrückte in der Beziehung war.

Ich hatte von ihr aber auch Squalls Kette mit dem Sleeping Lion-Anhänger bekommen und die trug ich schon länger und etwas lieber und außerdem hätte die Blade nicht an die Kette gepasst. Deswegen nutzte ich sie viele Jahre als Schlüsselanhänger, der ständig Löcher in meine Manteltaschen bohrte, die ich jedoch als Gaben der Liebe gefälligst hinnahm*G* Eines Tages jedoch brach das Heft der kleinen Gunblade und ich verlor das gute Stück unwiederfindlich. Seitdem habe ich keinen Schlüsselanhänger mehr benutzt, selbst den hervorragenden schottischen König mit dem Top – Daumen nicht, den ich mal beim Jule Club bekommen hatte. Nun aber habe ich wieder einen, in Form eines freundlichen Wals, geschenkt von meiner Mutter und ich mag ihn sehr. Trotzdem fühlt sich diese Sache verdächtig nach einem sehr, sehr traurigen Rückschritt an und der Gedanke schafft es immer wieder, mir die Freude an meinem ersten Mitbringsel seit Jahren zu verderben. Wer das ebenfalls traurig findet, darf mir gern ein großes, süffiges Bier ausgeben, wenn er mich mal trifft. Am liebsten irgendwo am Wasser oder auf einem schlanken Schiff…*träum*

Melancholiebildnis mit halbwegs sichtbarer Squallkette. Ich habe sie noch; sie hängt an einem vor Jahren irgendwo geklauten Rückspiegel in meinem Schlafzimmer an einem Regal

Geschrieben von listior

08/16/2008 um 04:14

Hmpf.

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Mein trister Alltag wird inzwischen mal wieder ausschließlich durch Kleinigkeiten ein wenig angenehmer. Nicht SO schlimm, meistens sind es ja die banalen Kleinigkeiten, die das Leben lebenswert machen. Heute bin ich ein klein wenig motivierter todmüde aus dem Bett gekrochen als in der restlichen Woche. Einerseits freilich, weil das Wochenende näherrückt und bietet es auch keine großen Wunder, Schönheiten und Überraschungen kann man sich bei Bedarf doch den ganzen Tag im Bett verkriechen und die Restwelt Restwelt sein lassen, wenn auch unterbrochen durch elenden Hundedienst und notwendige Einkäufe. UND man muss keine zehn Stunden im verdammten Büro abhängen – welch unermessliche Wohltat!

Der heutige Tag hatte aber noch ein anderes Minihighlight. Am Dienstag beschlossen meine Kollegin und ich, dass wir uns heute Morgen zwischendurch flurweit ein Eis gönnen wollten. Eine andere Kollegin, die im Regelfall einige Stunden später am Arbeitsplatz auftaucht, weil sie nur wenige Stunden beschäftigt ist, wollte es auf dem Hinweg mitbringen. Der Oberchef, der sowas freilich nicht gerne sieht, ist im Urlaub und warum sollen die Mäuse dann nicht mal verhalten ein bißchen auf dem Tisch herumgestikulieren? Tanzen wäre wohl ein bißchen zuviel verlangt. Meine Bestellung: Vanille (lustigerweise beim Eiscafé oft nicht vorrätig; welche Eisdiele hat keine spießige Vanille vorrätig?), Tiramisu (es wird groß dafür geworben aber nur in den seltensten Fällen haben die auch welches), Stracciatella (meistens vorhanden). Wir gönnen uns überwiegend drei unglaubliche Kugeln, wenn wir sowas machen, bis auf die älteste Kollegin, oft ein wenig zickig, zeimlich laut und stets darauf bedacht, sich ein wenig abzuheben vom gewöhnlichen Rest. Diese Kollegin möchte maximal zwei Kugeln, Vanille und Zitrone.

Nun, die späte Dame erscheint vereinbarungsgemäß und bringt das bestellte Eis mit. Die Vizechefin, gerade selbst aus dem Urlaub zurück, entbietet sich, die Rechnung zu übernehmen; immerhin eine Ersparnis von 2,10 € für mich. Mal nebenbei: Sind diese Preissteigerungen seit 2002 nicht der Wahnsinn? Früher nahmen die fünfzig, beziehungsweise kurz vor der Währungsreform sechzig Pfennig pro Kugel und es gab extragroße Kugeln für eine D-Mark. Die neuen Standardkugeln sind durchaus nicht viel größer als die alten aber anscheinend wesentlich mehr wert. Schade, dass mein monatlicher Gehaltsobolus nicht auch wesentlich mehr wert ist als seine tarifliche Bezifferung. Ein anderes meiner persönlichen Lieblingsteuerungsbeispiele hier in der Gegend sind für mich die überraschend wohlschmeckenden (weil weniger fettigen) Käsebrötchen eines hiesigen Bäckers. So ein Gebäckstück kostete vor der Währungsreform sechzig Pfennige. Inzwischen kosten die Dinger erbauliche sechzig Cent. Das ist eine Preissteigerung von 195%, damned – innerhalb von sechs Jahren!

Nun, so oder so, der kühlende, süße Luxus war eingetroffen und wurde verteilt, während ich noch am Telefon hockte. Als ich mein Gespräch schließlich beendet hatte begab ich mich in das urlaubsbedingt unbesetzte Zimmer noch einer Kollegin (mein Chef und ich sind die einzigen Schwanzträger in unserem Schlossflügel, allerdings sind die uns beisitzenden Damen alle weit jenseits der vierzig bzw. fünfzig und deswegen gibt es keinen Grund für Enthusiasmus). Die vier anderen löffelten bereits fleißig, mein feines Eis, die eine erbärmliche Sache bei der Arbeit, auf die ich mich wirklich schon die halbe Woche freue, zumal ich allein nicht Eisessen gehe, stand verlockend auf dem Sideboard. Ich ergriff Becher und durchsichtigen Löffel, stieß ihn in die offensichtlich vanillene Kugel, grabschte mir dann aber erst die Waffel wie immer und verspeiste erst sie. Ich grübelte, was um Himmels Willen ich da statt Tiramisu und Stracciatella bekommen haben mochte; es schmeckte wie Spülmittel. Meine Alternativen waren Nuß, Karamel oder Schokolade gewesen. Das weißliche Zeug sah eindeutig nicht wie Schoko aus, noch hatte es einen milderen Braunton wie meine zwei anderen Wünsche. Schließlich wandte ich den Blick nach links, wo fett und fröhlich die alte Kollegin hockte und ihren Becher leerwühlte. Die oberste Kugel war weiß – mit kleinen Schokostückchen: Stracciatella! Mir ging ein Licht auf: Das weiße Zeug sollte offensichtlich Zitrone sein. Die andere Kugel war Vanille, Bestellung Nummer zwei der…freundlichen alten Dame. „Isst DU da gerade zufällig mein Eis?“

Japp, eindeutig. Ooops, das war ihr ja so garnicht aufgefallen, dass das nicht nur zwei, sondern drei Kugeln waren und natürlich hatte sie sich auch nichts dabei gedacht, dass ihr bei Eisübergabe nicht mitgeteilt worden ist, dass etwas von ihren bestellten Sorten nicht zu bekommen war. Sie hatte schlichtweg angenommen, dass es keine Zitrone gegeben hatte und schließlich ist es üblich, als Ersatz für eine nicht vorhandene Sorte zwei andere zu bekommen. Gut, die Frau kommt mir manchmal schon ein wenig langsam vor, insbesondere dann, wenn sich die Langsamkeit für sie als begünstigend herausstellt. Außerdem neigt sie dazu, anderen Leuten nicht zuzuhören, da sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Aber selbstverständlich war ihr nicht entgangen, dass das dort nicht IHR Becher war, sondern MEINE winzige, armselige Bürofreude für diese Woche…aber warum davon ablassen? Tiramisu ist schließlich lecker und von sich aus würde so eine wenig experimentierfreudige Person freilich niemals eine ungewohnte Eissorte ausprobieren. Sie bot mir an, ihren angesabberten Becher mit meinem zu tauschen aber ich lehnte hochmütig ab. Ich kann mir schöneres Vorstellen als meine Zunge berührende und meine Kehle herabrinnende Eiskrem, in der ihr angelüllter Löffel gewühlt hatte.

Ich verschlang die ekelhafte Spülmittelzitrone (und spüre die Säure nach wie vor im Magen zirkulieren; Zitronensäure neigt dazu, meine Verdauung ein wenig aufzuwühlen. Hätte nicht gedacht, dass so ein Kügelchen derart verheerend sein kann), atmete die Vanillekugel weg und verließ dann den Ort des Geschehens, um mir wenigestens einen Schluck Wasser zu gönnen. So viel zu meiner einen kleinen Freude am Donnerstag. Was eine tolle Woche-_- Und wie beglückend zu wissen, dass bis zu meinem 67-70sten Lebensjahr noch so unheimlich viele davon auf mich warten

Manchmal sind’s wirklich die Kleinigkeiten, die einen am Ball halten. Und manchmal sind es gerade die Banalitäten, die einem das Schicksal so vor den Latz haut, die dir den Scheißtag erstmal so richtig versauen. Doofnäsige Alte!

Geschrieben von listior

08/07/2008 um 12:36

Veröffentlicht in 42?, Arbeit, der Abgrund des Lebens

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