Archiv für die Kategorie ‘Blut ist dicker als Wasser.’
Brüderchen und Schwesterchen
Jetzt allerdings sollte ich erstmal die Hundepisse vor Sessel, Schreibtischstuhl und dem alten Bettkasten wegmachen, auf dem der Fernseher stand. Voll mit alten Videos ist dieser Bettkasten. Dabei handelt es sich vor allem um Mitschnitte von Star Trek und Star Trek – The Next Generation aus den fernen Zeiten, zu denen ich noch Fan dieser Serien war. Glücklicherweise reifen und wachsen wir irgendwann und unsere Ansprüche steigen, deswegen kann der schwere, große Fernseher ruhig den Deckel des Kastens blockieren. Ich habe keine Sehnsucht nach diesen Aufnahmen (und, wie oben zu lesen, ja eh keinen Videorekorder mehr). Allein Deep Space Nine bewahre ich noch artig in Longplayfassungen in einer Schublade; die Serie hatte es mir letztendlich wesentlich mehr angetan.
Angepisst wurde die Videokiste ebenso wie die anderen Möbel vom abscheulichen kleinen Mistköter meiner älteren Schwester, deren Familie das große Haus ebenso bewohnt. Inzwischen sind sie und ihr Freund 33, ihrer beider Sohn ist 16 und sie haben Gefallen an dem Gedanken gefunden, etwas eigenes zu haben. Nach langer Suche ist es ihnen sogar gelungen, ein Mietshaus in unglaublichen fünf Kilometern Entfernung zu finden, was mich immer wieder zwischen Kopfschütteln und Gelächter hin- und hertreibt. Wenn ich neben der Familie keine Bindungen an diese Gegend mehr hätte, weder beruflich noch durch Freunde, dann würde ich doch sehen, dass ich so weit wie nur irgend möglich von diesem Kaff wegkomme. Mein Dilemma ist, dass ich für dieses Kaff arbeite und ich zudem kaum näher an meinem Arbeitsplatz wohnen kann als im übergroßen, bald leeren, Elternhaus. Ich profitiere allerdings durchaus von diesem Wegzug, deswegen bin ich trotz seiner nicht zu leugnenden Lächerlichkeit wegen Inkonsequenz sehr dafür. Erstens bewohnt die Familie meiner Schwester den hübscheren Teil des oberen Stockwerks des Hauses, nämlich das ehemalige große Wohnzimmer meiner Eltern, die ehemalige (und selten bis nie genutzte ehemalige Küche meiner Eltern) und die ehemalige Essecke mit Balkon, aus dem sie allerdings damals mittels eines Wintergartens ein Schlafzimmer gemacht haben. Wohnzimmer und Balkon waren die Lieblingsplätze meines Vaters im Hause und ich war damals ziemlich sauer, als ich miterleben musste, wie sie sein Andenken so verrieten. Inzwischen habe ich mich dahingehend glücklicherweise beruhigt und kann die handwerkliche Leistung meiner zwei Schwager, Esszimmer und Balkon in ein wärmegedämmtes, gemütliches Schlafzimmer verwandelt zu haben, eher würdigen als damals. Räumlich würde ich jedenfalls vom Wegzug der drei profitieren. Und auch persönlich bin ich darüber nicht unglücklich. Ich lebe die gesamten 30 Jahre meines Lebens mit meiner Schwester zusammen und 16 davon zudem auch noch mit ihrer Familie. Wirklich grün sind mein Schwager und ich uns nie gewesen, weil wir einfach grundlegend verschiedene Menschen mit wenigen Berührungspunkten sind. Er schätzt wenig von dem, was ich schätze und ich schätze eigentlich nichts von dem, was er schätzt. So kommt man nicht zusammen. Aeris erzählte mir einmal, meine Mutter sei der Ansicht, ich wäre schlichtweg einfach eifersüchtig auf den Freund meiner Schwester und ihren Sohn, weil wir früher ein recht inniges Verhältnis hatten. Wir hatten bis es schlichtweg nicht mehr ging das gleiche Schlafzimmer, als Kinder hingen wir lange Zeit zusammen und spielten und auch später haben wir uns zumindest noch immer intensiv unterhalten, bis sie ihre ersten Typen anschleppte und ich mir verständlicherweise ziemlich überflüssig vorkam. Dem kleinen kleinen Bruder tut das freilich erstmal weh aber meine Grübeleien führten mich eigentlich sehr schnell zu dem Schluss, dass es auch für mich so wesentlich besser war und letztendlich war ich froh darüber, mich abgekapselt zu haben.
Ich kann sicherlich nicht bestreiten, dass sie mich in vielerlei Hinsicht geprägt hat; musikalisch zum Beispiel hatte ich im Vergleich mit meinen Mitschülern immer einen ganz anderen Geschmack, weil ich mit den Favoriten meiner Schwester aufgewachsen bin und mir so einen Teil ihrer Vorstellung davon, wie Musik zu sein hat, angeeignet habe. Außerdem hatten wir immer einen recht ähnlichen Humor. Trotzdem werden wir, wenn man uns zusammen sieht, nur selten für verwandt gehalten. Innerlich unterscheiden wir uns doch sehr voneinander und wenn auch nach wie vor gewisse Berührungspunkte vorhanden sind, gibt es einfach viel zu viel an ihr, was mich hoffnungslos abnervt und außerdem habe ich im Laufe des Älterwerdens auch mehr und mehr begriffen, wie sehr sie mich eigentlich als Kind untergebuttert hat – wovon sie teilweise heute noch begeistert erzählt. So hat sie zum Beispiel nichts unversucht gelassen, um zu verhindern, dass ich auch nur eine entfernte Idee davon bekommen könnte, dass ich in manchen Bereichen talentierter war als sie. Sie machte meine Zeichnungen nieder, verunglimpfte meine ersten Schreibversuche, hielt mich immer unten, damit sie der Star blieb und ich nicht zu groß wurde. Sowas bleibt einem Kind freilich im Gedächtnis und manchmal kommen mir noch heute recht üble Gefühle, wenn ich an diese Zeiten denke. Ich erkläre immer wieder, dass ich große Probleme damit habe, anderen Menschen wirklich zu vertrauen. Es war lange Zeit wahnsinnig schwer für mich, jemanden nahe genug heranzulassen und dieses Defizit ist sicherlich zu großen Teilen ein Verdienst kleinerer und größerer Verrate durch meine ältere Schwester, die als Kind wegen der Selbständigkeit meiner Ältern lange meine wichtigste Bezugsperson war. Manchmal habe ich mit dieser Eigenschaft schon sehr hart zu kämpfen gehabt und ich weiß, dass ich sie zu einem nicht geringen Teil dafür verantwortlich machen muss.
Als Erwachsener nervt mich, wie ungemein meine Schwester in das Lager der Realisten und Phantasielosen abgewandert ist. Freilich eine natürliche Reaktion beim Älter- und Abgebrühterwerden aber ich bin der Ansicht, dass ein sich dem vermeintlichen Realismus verschreibender Mensch der Stagnation Vorschub leistet. Außerdem habe ich mit Schrecken beobachtet, wie sie nach und nach sämtliche hehren Prinzipien abgelegt hat, für die sie als Jugendliche und während der Schulzeit noch eingestanden ist. Ich würde niemals meine Prinzipien verraten, denn sie sind wichtiger Teil davon, was mich primär als Person ausmacht. Zu beobachten wie eine nahestehende Person immer weiter davon abweicht und in der Folge immer stromlinienförmiger wird ist niemals eine Freude. Doch ist auch nicht zu leugnen, dass sie, indem sie nach außen immer glatter und artiger wird, auch in der Beliebtheit unserer Verwandtschaft wie auch der kleinbürgerlichen Nachbarn aufgestiegen ist. Meine kleine Schwester, die ihr wesentlich näher steht als ich, und ich, ziehen sie gern damit auf, was sie für eine abscheuliche Schleimkuh geworden ist. Sie sucht dann verzweifelt nach ähnlichen Verhaltensweisen bei uns zwei anderen aber kann gegen mich ausgesprochen wenig ausführen und gegen meine kleine Schwester vor allem ihr Verhalten gegenüber ihren Schwiegereltern, die sie nicht sonderlich leiden kann. Ich hingegen, obwohl wirklich fern davon, ein Heiliger zu sein, habe einfach keine Lust mehr mich gegenüber unseren gemeinsamen Verwandten, Nachbarn und Bekannten ins güldene Licht zu verbiegen und komme deshalb im Vergleich mit ihr ziemlich kühl und unherzlich daher. Das entspricht indes wesentlich mehr meinem durchaus fieslichen, lästerhaften und zynischen Naturell. Außerdem ist es aufrichtiger und ehrlicher, wie ich finde. Wenn ich in Abwesenheit einer Person über diese Person eigentlich nur herziehe, sie geringschätze und mich ihr nicht wirklich nähern möchte, kann ich doch nicht in deren Anwesenheit Herzlichkeit und Freundschaft vorführen…das macht man einfach nicht. Man muss sich tolerieren, respektieren aber da hört es dann irgendwo auch auf, wenn man nicht unehrlich gegen sich selbst werden will. Und diese unverhohlene Falschhheit vielen Mitmenschen gegenüber gepaart mit einer bedrückenden Oberflächlichkeit, welche aber trotzdem von genau denselben Mitmenschen scheinbar unheimlich hoch geschätzt werden treibt mich im Hinblick auf meine große Schwester regelmäßig zur Weißglut. Ich bin distanziert und reserviert und ernte die durchaus verdiente Antipathie dafür. Ich lebe damit, auch Hass ist eine Form von Respekt. Sie hingegen fühlt für die meisten der betroffenen Leute dasselbe wie ich, hat sich aber schon als Kind antrainiert, wie es ihr gelingt, stets den schönen Schein zu wahren. Es würde mir nicht schwerfallen, es ihr gleich zu tun. Es mangelt mir nicht an Charme und Aufmerksamkeit und sicherlich auch nicht an schauspielerischem Talent dazu. Ich habe nur einfach entschieden, dass ich so nicht sein möchte. Darin liegt eine unleugbare Ungerechtigkeit und auch, wenn ich für meine persönlichen Entscheidungen freilich die Konsequenzen tragen muss ärgert mich trotzdem, wenn meiner Haltung so gar kein Respekt widerfährt. Deswegen ist es aus meiner Sicht durchaus sehr zu begrüßen, wenn wir endlich nicht mehr aufeinanderhocken werden.
Außerdem bin ich ihren verdammten Piss-Hund dann endlich los, der den Sinn seines Lebens darin zu sehen scheint, meine Besitzungen mit seinem Exkrement dekorieren zu müssen. Das kleine Mistvieh war schon Hausbewohner bevor ich Aeris kennenlernte und vor der schicksalhaften Entscheidung eines hormonberauschten Kerles, dem Hund seiner vermeintlichen Lebensliebe Obdach und Auskommen zu gewähren. Als SAM dann andauernder Hausgast wurde, sah Schweterhund freilich seine Pfünde gefährdet und obwohl ich mich nie sonderlich mit dem kleinen, kreischenden K(l)öter beschäftigt hatte (er stank mir immer zu sehr und seine gewaltigen primären Geschlechtsmerkmale verstörten mich irgendwie) fand der plötzlich, er müsse sein Revier auch in meinem Bereich nachhaltig markieren und tat das daraufhin bei jeder Gelegenheit in Form von eleganten gelben Pfützen, strategisch plaziert, wo man sie so richtig ekelhaft finden muss. Nein, schön ist das nicht. Und wenn es denn nun ein Ende findet, ist das nichts wie überfällig.
Natürlich hätte auch ich ausziehen können….nur wohin, wo ich doch kaum sieben Minuten zur Arbeit unterwegs bin, solange ich hier wohne?
Es gäbe nur zwei Alternativen: Eine Mietwohnung mit vielen schrecklichen, alten Leuten nebst einer schrecklichen, alten Kollegin (naja, jetzt wirklich nicht SO schlimm aber trotzdem kann ich auf Nachbarkollegen verzichten; nur Kommunistennazis sind schlimmer). Die andere Alternative ist das ehemalige Parteihaus der NSDAP, ebenfalls mit vielen alten Leuten und einer Anwaltspraxis, dafür aber hübsch gelegen direkt am Teich, wo vor wie nach dem dritten Reich niemand mehr eine Baugenehmigung bekommen hat, was Rückschlüsse darüber zulässt, wie populär die Braunen hier im Kaff gewesen sind. Nach wie vor läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, wenn ich mir das Album mit alten Photos anschaue, das wir meinem Vater mal zum Geburtstag geschenkt haben und mein Blick auf die Bilder von einem Umzug der NSDAP mit SS und großer, hakenkreuzumrankter Kundgebung auf dem Marktplatz fallen, den damals freilich noch das Kriegerdenkmal aus Dolchstoßweltkrieg I zierte und den Adler darauf ein weiteres Hakenkreuz. Inzwischen ist das Ding entkreuzt, restauriert und steht im Stadtpark herum, nett verziert mit wenig kreativen Graffiti. Nur einer gefällt mir: Auf die frischrestaurierte Andenkentafel mit vaterländischem Gewäsch hat jemand in pechschwarz TOT gesprüht. Wie wahr, wie wahr.
Sternenhimmel / Geburtstagsfeiern
Sternenhimmel….
Hui, nach einem Monat kehrt man zurück und plötzlich sind die Sterne aufgegangen! Ich habe ja eine deutliche Vorliebe für einen klaren, schönen Sternenhimmel, wie ich vor einer Weile mehr lang als breit hier ausführte (wie es halt so meine Art ist). Tatsächlich finde ich es eher ungünstig, Blogs zu bewerten. Weniger, weil ich um den Rang meiner Ausführungen bange – was die Leute so davon halten, kann man schließlich ausreichend und überaus deutlich an den Hitzahlen ablesen – sondern einfach, weil es mir falsch dünkt, die Gedanken eines anderen zu bewerten.
Ebenso können die wenigsten von uns etwas dafür, wie gut oder schlecht sie diese Gedanken artikulieren können. Letztendlich fördert ein Blog das Schreiben, gerade bei Leuten, die das sonst nicht so regelmäßig tun. Schlimm genug, wenn die feststellen müssen, daß sie niemand so recht lesen will aber dann auch noch Sternchen dafür zu verteilen ist eine Sache, die nicht meines Erachtens gutzuheißen ist. Letztendlich verkommt sowas zur Spielwiese für persönliche Sympathien und Antipathien und deswegen die Motivation eines angehenden Schreibers zu unterminieren ist einfach eine Gemeinheit, die im Übrigen nicht ungesühnt bleibt, weil man schließlich ziemlich genau weiß, wer einen so auf dem Kieker hat und wer nicht.
Glücklicherweise interessiert mich die Sternenanzahl eines Threads aus genau diesen Gründen im Regelfall nicht die Bohne und eigentlich hatte ich gehofft, die Gemeinschaft der Blogger, denn sie sind eine Gemeinschaft, die sich auf intellektueller, schriftstellerischer Ebene begegnen sollte und nicht auf Galaveranstaltungen mit Pokalturnier, sollte über derartige Dinge erhaben sein und einander respektieren für das, was sie so von sich geben. Kein Blog ist wertvoller als das andere. Es gibt nur mehr oder weniger beliebte Blogger, die sich indes darüber keinen Kopf machen sollten.
Nun aber zum Ernst des Lebens: Geburtstagsfeiern.
Sind die nicht gruselig? Ich habe allgemein eine relative Abneigung gegen aufgeschäumte Familienfeste, Nachbarschaftsgedöns und Fröhlichkeit-auf-Knopfdruck. Wenn man jemanden respektiert, muß man dann warten, bis er 70, halb taub und fast blind ist, um ihm das zu beweisen? Geht das nicht auch im alltäglichen Leben?
Am Sonntag war genau wieder so eine Gelegenheit. Die Nachbarin gegenüber lud zu ihrem – genau – siebzigsten (ja, DAS ist meine Nachbarschaft. Daß man hier in der Straße die Bürgersteige nächtens nicht hochklappt ist allein ein Resultat der um sich greifenden Altersschwäche und der etlichen schon verstorbenen Mannsbilder, die schließlich zuständig sind für sowas). Es fällt mir schwer, jemanden zu enttäuschen, der stets lieb und artig meine etlichen Pakete für mich annimmt, wenn ich im Büro oder manchmal auch einfach im Bett liege und entweder der Post nicht öffnen kann oder…der Post nicht öffnen KANN, weil….samstags vor 10 Uhr das Bett zu verlassen ist bei Todesstrafe untersagt und wird unbarmherzig geahndet.
Nun, diese nette Dame, die mir indes trotzdem immer ein wenig ghoulig daherkommt, was an ihrem Job als Bestatterin liegen mag (während ihr Mann offentichtlich einfach nekrophil ist, so wie der aussieht), beging also im Laufe der Woche ihren 70sten und ich war geladen. An Flucht war nicht wirklich zu denken. Sicher, weglaufen kann man immer aber ist sowas ritterlich? Ist sowas anständig? Mache ich sowas? Natürlich nicht. Außerdem: Sie grüßt mich immer nett, wenn sie auch taubheitsbedingt kein Wort von dem versteht, was ich als Erwiderung sage. Und wenn ihr im Winter, der uns ja schließlich auch immer seltener besuchen kommt, mal wieder ein wenig ansehnlicher Schnott-Tropfen von der Nase baumelt, dann kann man ja weggucken.
Jedenfalls ging ich hin, brav gestriegelt, beige Jeans, beiges Sakko, gebrauchter oller Schlips, langes dunkles Hemd, von einem Folterknecht aus dem sonnigen Süden entworfen. Marsch am Teich entlang, wo Knechte ganz anderer Art gerade die Reste des erfreulichen Open Air-Konzerts der vergangenen Nacht aus dem Weg räumen und mein aufgemotztes Selbst mit verdientem Hohn betrachten, durch die brüllende Sonne, die einmal mehr Lust hatte zu zeigen, wie sehr ich sie mal kann.
So schleppte ich mich zu elf Uhr in die Kneipe, wo offensichtlich eine Butterfahrt stattfand. Während ich nach Heizdecken Ausschau hielt, die man bei dem Klima freilich so dringend braucht wie einen Kropf oder ein Furunkel am verlängerten Rücken entdeckte ich einerseits den typischen Kundenkreis solcher Veranstaltungen von etwa uralt aufwärts, sowie einen annähernd antiken Herrn mit einem Akkordeon und einem Blick, der ebenso hoffnungsvoll wie bösartig war.
Er formte die faltigen Klüfte seines Gesichts zu einem frohgemuten Grinsen und hub mit einer jener beliebten Weisen an, die auf solchen Veranstaltungen gerne gespielt werden, denn in unseren Herzen sind Böhmen und Mären nicht verloren, meine preußischen Freunde: Der Polka. Sie polkte so vor sich hin und während ich noch immer keine einzige Heizdecke zu erspähen vermochte, entdeckte ich doch etwas anderes und das versetzte mir einen größeren Schlag, als jede defekte Heizdecke jemals hätte auslösen können: Das Geburtstags…äh…KIND.
Schön, dies war also keine Butterfahrt. Dies war der Geburtstag. Während mein Gewissen mir die Frage stellte, was zur Hölle ich eigentlich erwartet hatte, präsentierte die Nachbarschaft ihre guten Wünsche und wurde dabei akkustisch freilich nicht verstanden, erkennbar am zusammenhanglosen Ja-Gesage und Genicke der Jubilarin. Na schön, gratuliert und an den Nachbartisch gepflanzt.
Dummerweise mangelte es an den erträglichen Menschen, mit denen ich mich sonst zu umgeben pflege, wenn ich Nachbarkram machen muß. Auch war meine Freundin freilich nicht dabei und die Möglichkeit der Flucht zu ihr per SMS war auch nicht mehr drin. Augen zu und durch, hieß es da und Konzentration auf meinen pubertierenden Neffen, der glücklicherweise auch dawar und ähnlich motiviert wie sein Onkel. Vor mir der Alkoholiker mit den faulen Zähen und zitternden Händen, rechts von mir, wo mein Gehör mich schon vor fast drei Jahren größtenteils im Stich gelassen hatte meine Frau Mutter. Ja, sowas ist eindeutig frustrierend, wenn man auf die 30 zugeht. Doch nicht so frustrierend wie das Volk schräg gegenüber:
Die wichtigtuerische Friseurmeisterin mit dem höchst unangenehmen Organ. Ich maße mir nicht an, über ihren Bildungsstand zu grübeln, denn vermutlich würde ich ihr immer Unrecht tun (anders als ihrem nutzlosen Ehemann, der indes “arbeiten” mußte) aber was ich beurteilen KANN ist, wie extrem furchtbar es ist, wenn man jemanden direkt vorm Eingang in das beschädigte Ohr sitzen hat, der sich hauptsächlich durch Gekeifte, Geschreie, Gegacker und Gegicker artikuliert und aus irgendeinem Grund meint, daß die Menschen genau das von ihr hören wollen.
Dieses Organ quälte mich nun erbauliche viereinhalb Stunden mit seiner unerschütterlichen Präsenz. Einen Platz neben der Keifschnitterin hockte ihre SchwiegerMAMA! (das ist ihr Name, MAMA!), nuschelte gequirlten Quark und versuchte sich in zeitlich versetztem Smalltalk, durchsetzt mit ihrer grausigen krächzenden Lache. Einhe gruselige Frau, die mich, wenn sie auf ihrem Fahrrad hockt, stets an die böse Hexe aus dem Musical vom Zauberer von Oz erinnert.
Vier Stunden quäkten diese Leute lustig herum und scherzten mit dem Alki, der aus seiner Bewunderung für die Keifschnitterin keinen Hehl machte, was seiner Frau jedoch relativ gleich zu sein schien. Liebend gern hätte ich das schabrackige Dreigestirn mindestens einen Kopf kürzer gemacht. Leider taugten die beiden neben meinem Teller plazierten Besteckmesser nicht dazu und ich mußte es ertragen.
Irgendwann zwischen Hauptmenü und Nachtisch kam der obligatorische Nachbarauftritt mit zwei Vorträgen. Die Schabracke hatte schon den ganzen Tag darauf hingewiesen, daß sie natürlich NICHT nervös sein würde und ihr tolles Höschengedicht ohne einen Funken Lampenfieber aufzusagen plante. Sie ratterte es vor allen Dingen laut herunter aber aus sicht verkalkter alter Leute ist das gleichzusetzen mit Schauspielkunst, schließlich wird das auf den Prunksitzungen genauso gehandhabt. Man überreichte zwei Geschenke: Eine lustige Klopapierrolle und eine Geldcollage, für die meine Schwester natürlich ausufernd gelobt wurde, wie es immer der Fall ist.
Dem Nachtisch (wo mir eine der Kellnerinnen die Schüssel mit widerlicher Herrencreme, die ich zur Seite stellen wollte, aus der Hand riß mit den Worten, ich hätte doch an der anderen Seite genug), da waren mein Neffe und ich sicher, sollte eine rasche Flucht folgen. Nach Kaffee war mir so garnicht, und wäre mir doch danach gewesen, hätte ich mich bestimmt leicht vom Gegenteil überzeugen können. Also leerten wir unsere Gläser und sprangen auf – wie etliche andere Leute, die angesichts des Rauchverbots nach ihren Mägen nun ihre Lungen füllen und vergiften wollten.
Doch da war der untote Polka-rer vor! Seine Stimme, kein Grabesflüstern, sondern laut und klar, geformt sicherlich durch unheilige Pakte mit Rhythmusdämonen, blökte durch den Raum in der festen Absicht, den Aufbruch so lange wie möglich zu verschieben. Er war vermutlich mit der Gesetzesänderung zum 01.08. noch nicht vertraut, denn die Toten haben ihre eigenen Gesetze und fürchtete nun, seine 30 Silberlinge zu verlieren, weil er kaum Gelegenheit hatte, seine finstere Kunst zu zeigen. Erstmal sei ein Dankeslied zu singen und dann könne man vielleicht über einen Aufbruch nachdenken.
Ich rechnete mit “Danke für diesen Guten Morgen” und driftete in den Automatikmodus. Doch die überalterte Gesellschaft intonierte ein ganz anderes scheinheiliges Lied, dessen Text mir nicht geläufig war – 25 Jahre nach der Konfirmation kann man sowas auch wirklich nicht mehr verlangen, speziell, wenn der Delinquent sich seit mindestens 15 dieser Jahre immer wieder fast dazu durchringt, endlich aus der Kirche auszutreten.
Zweg und ich heuchelten Beteiligung und starrten immer wieder auf die Uhr. Das Lied endete und mit dem Lied auch unsere Bereitschaft, auszuharren. Doch nun wollte Opa Zombie gerne zum Tanz aufspielen und forderte die Leute auf, doch einen Ehrenkreis um das Paar mit der Geburtstagsperson zu bilden, was einige der unwilligeren Kandidaten zu intensivem Gemurre und engstirnigem Verharren auf den Plätzen verleitete. Zwerg und ich liefen in Richtung Klo, denn für zwei der jüngsten Anwesenden sind Ehrentänze eine gefährliche Sache, wenn alte Weiber involviert sind. Ich verschanzte mich auf dem Klo, während der Zwerg auf den Gang hinausrannte. Doch man geht nich wort- und grußlos, nachdem man sich den Wanst vollgeschlagen hat, das macht man nicht.
Ich verharrte also weiter, diesmal auf dem Klo. Glaube kaum, daß meine Hände nach und vor einem Klogang jemals so gründlich gewaxschen worden sind. Irgendwann, als ich schon die drohende Annäherung einer Polonaise zu erschnüffeln glaubte, endete das Akkordeonmaltratat des Polk-Zieharmonisten und endlich, ENDLICH war die Freiheit in greifbare Nähe gerückt. Nun war jedoch erstmal die Zwergenmutter davor, die ihren Sohn nicht so einfach freizugeben gedachte. Doch ich hatte die Nase voll und letztendlich ließ sie ihn ziehen. Eine Hürde galt es noch zu nehmen: Nach der polkagestützten Dance-Orgie war das alte Volk, welches nicht abhängig von Glimmstengeln war, an die Theke getreten, um das andere populäre Suchtstöffchen zu konsumieren, welches nur manchmal im Halse brennt und ansonsten flüssig daherkommt. Alte Weiber umringten das Geburtstagswesen und uns blieb nichts anderes übrig, als uns durch diese Masse hindurchzukämpfen.
Die Messer waren inzwischen abgeräumt und keine Machete war in Sicht. Doch wenn man es einfach satt hat, dann kann auch der Ellbogen eine effiziente Waffe sein. Ich schlug mich voran, den Jungen hinter mir, und schließlich erreichte ich schweigebadet (denn das war ich ja schon den ganzen Tag) die Jubilarin, sagte den Dankesvers auf, ertrug die obligatorische überschwengliche Umarmung und machte mich dann davon wie der Blitz, ohne einen blick zurückzuwerfen, quer durch den Saal auf den mir durchaus bekannten Haupteingang der Kneipe zu – der abgeschlossen war. Fluchend strömten wir zurück am kippenden und am qualmenden Altersheim vorbei durch den Fußweg in Richtung Teich, Freiheit, Wochenende und Bett – in dem ich erschöpft und gerädert sofort einschlief und mir ein Aufwachen nicht gestattete, bis aus dem Sonntag fast schon ein Montag geworden war.
Sonntag: Familiäre Zwänge
Wer mich ein bißchen kennt weiß, daß ich es absolut nicht leiden kann, wenn man mich dazu zwingt, an irgendetwas teilzunehmen. Ich finde es einfach schrecklich, wenn ich in meiner freien Zeit nicht machen kann was ich will, denn während meiner Dienstzeiten beschäftige ich mich schon ausschließlich mit Dingen, die ich nicht leiden kann.
Deswegen habe ich immer einen echten Haß auf alles und jeden, wenn ich zu irgendwelchen Familienfesten oder Nachbarschaftskisten antreten muß. Es wäre freilich etwas vollkommen anderes, wenn ich meine Verwandtschaft wirklich mögen würde oder meine Nachbarn nicht alle alte, vertrocknete Provinzler wären, die gräßliche Sauflieder singen und ansonsten eigentlich nur sterben können (wenn auch nicht besonders gut, denn sie leben ja alle noch ).
Erstmals ausgebrochen: 17.06.2007
Heute hat nun mein Schwager Geburtstag. Ich mag meinen Schwager. Er gehört nicht zu den Verwandten, die ich am liebsten ein einem Vulkankrater versenken und noch den Inhalt mehrere Jauchegruben hinterherkippen würde. Meine Schwester hat sich durchaus einen ordentlichen Typen gesucht, die zwei haben einen extrem niedlichen Sohn, ein hübsches Haus und leben allgemein dermaßen harmonisch miteinander, daß ich vor Neid manchmal nicht an mich halten kann, weil mir das nach wie vor verwehrt bleibt.
Allerdings kann ich mich nicht sonderlich gut mit ihm und seinen Freunden und Verwandten unterhalten, was die Zeit dort im Regelfall sehr lang und zäh macht. So ist es allgemein. Mich interessieren weder Autos, noch Häuslebauer, noch Sport, weder Dorfklatsch noch lustige Erlebnisse aus der Bundi-Zeit. Politik ist kein ernsthaftes Thema (denn das Ergebnis lautet stets: “Die machen doch alle nur Scheiße.” Okay, aber WARUM und WIESO?), Philosophie und Kultur ohnehin nicht. Fernsehserien, der allseits beliebte Notnagel, führen auch zu nichts. Musik – I bewahre. Literatur? Nichts. Was bleibt da abgesehen vom Wetter und dem Kind? Nicht so viel.
Abgesehen davon tut es mir dermaßen um die Zeit leid…nicht, daß ich ein Mensch wäre, der in seiner Freizeit so außergewöhnliche Dinge tut, daß er nie genug Zeit dafür bekommt. Aber letztendlich quäle ich mich in meinem verhaßten Scheißjob doch nur deswegen herum, weil ich nach Büroschluß nach Herzenslust in meiner Freiheit schwelgen möchte, die finanziert sein will. Wie gräßlich ist es dann, wenn diese Zeit vollkommen verplant ist? Es gibt bekanntermaßen Leute, die mit sich selbst nicht viel anfangen können und deswegen ständig auf Achse sein müssen, um nur nicht mit sich allein zu sein. Ich hatte damit niemals Probleme. Meistens hatte ich sogar gar keine andere Wahl Ich brauche meine knappen Mußestunden, um nicht vollkommen durchzudrehen und um mich immer wieder zu erinnern, daß es vielleicht Dinge gibt, die lebenswert sind, die als den Ärger, die Schmerzen, die Qualen und dergleichen rechtfertigen, denen man sich alltäglich aussetzen muß, um in dieser Welt existieren zu können.
An einem Plastiktisch herumzusitzen und banalem Gequatsche zu lauschen, gehört bedauerlicherweise nicht zu diesen in meinen Augen erstrebenswerten Dingen. Trotzdem tun sich solche Pflichtübungen immer wieder am Horizont auf und ich nehme sie, meistens zwar bitterlich murrend aber am Ende halt doch, aus Respekt denjenigen gegenüber wahr, die sie betreffen (wenn ich sie denn respektiere). ODER halt einfach, um Schwierigkeiten und Unliebsames von der Familie abzuhalten, denn wer würde sich noch weiteren Ärger aufhalsen wollen? Puh, nee, es reicht mir.
Heute war ich um viertel nach Acht wieder zu Hause. Morgen im Büro erwarten mich zehn Stunden angewandter Horror, wie ich jetzt schon weiß. Der nächste freie Tag ist der Samstag, der am Sonntag noch unendlich lange hin zu sein scheint und wer weiß, welche fürchterlichen Zwangsaktivitäten sich bis dahin wieder auftun werden. Was für eine Tortur, wenn man sich dann nichtmal am Wochenende angemessen zerstreuen kann. Wobei: Ohne jemanden, der einen in den Arm nimmt, hält und mit ein wenig Trost beschenkt, kann man das ohnehin nicht wirklich Zerstreuung nennen, oder?=)
So endet ein weiterer sinnentleerter Sonntag, der nicht einmal dazu hat dienen können, die Batterien aufzuladen. Life sucks. Insbesondere Familiensonntags.
Erstmals ausgebrochen: 17.06.2007