Archiv für die Kategorie ‘Ver-Sichert’
Alice in Speicherstadt
Letztendlich ist die Ausnahme ja mal relativ erfrischend, dass die Praktiken eines Wirtschaftsunternehmens gerichtlich verfolgt werden und es den Prozess nicht gewinnt. Aber leider profitieren wir Bürger von dieser Entscheidung gerade mal gar nicht:
Im Zuge des Überwachungswahns sind europäische Telekommunikationsunternehmen über die Richtlinie 2006/24/EG verpflichtet worden, die Kommunikationsdaten ihrer Kunden vorsorglich zu speichern, um – wie könnte es anders sein? – im Zweifel eines terroristischen Angriffs oder Verwicklungen mit dem organisierten Verbrechen den Ermittlern gewisse Beweisdaten und Indizien zu sichern. An einem weiteren historischen neunten November, diesmal des Jahres 2007, wurde ein entsprechendes Gesetz vom Bundestag verabschiedet und macht uns und das, was wir in den einstig unbeschränkten, vormals unendlichen Weiten des Weltweiten Netzwerkes so treiben, so gläsern wie reinstes böhmisches Kristall. Schon bei der Verabschiedung der EU-Richtlinie gab es einiges an Widerstand von Seiten der Bürgerrechtsbewegung; das am 26.12.2007 von Hottehü Köhler überraschend bereitwillig unterzeichnete Bundesgesetz wirbelte freilich noch mehr Staub auf. Trotzdem trat es vorbehaltlich abstrakter Normenkontrolle durch das BVerfG zum 01.01.2008 in Kraft und entkräftet unsere Bürgerrechte auch noch heute. Es war übrigens die große Koalition, die gegen die Stimmen der Oppositionsparteien das Gesetz schließlich durchgedrückt hat; ein wunderbarer Beleg dafür, wie gewaltig Furcht, Mißtrauen und Unverständnis der Mehrheit der teutschen Volksvertreter gegenüber Handy und Internet, respektive der Rede- und Meinungsfreiheit tatsächlich ist.
Neben den zu Durchleuchtung freigegebenen Bürgern (was dachten die Väter des Grundgesetzes sich nur dabei, den Fingerabdruck aus dem Personalausweis zu verbannen, weil die Deutschen schließlich keine Verbrecher seien? Diese naiven Gutmenschen, ist es zu fassen!) waren auch die betroffenen Unternehmen von den Neuregelungen nicht begeistert. Einerseits ist freilich gerade die Anonymität im Internet, bzw. die Intimität bei der zwischenmenschlichen Kommunikation einer der wesentlichen Reize dieser Einrichtungen. Andererseits freilich verursacht die sechsmonatige sinnlose Speicherung von Verbindungsdaten zur reinen Befriedigung der Neurosen einiger politischer Kleingeister bzw. des Tatendrangs unverbesserlicher Aktionisten einen nicht unerheblichen Mehraufwand an Kosten, denen kein wirklicher Nutzen gegenübersteht und der zudem unter fortgesetztem Missmut des Großteils der Kundschaft GuVwirksam wird. Plötzlich zogen also die Unternehmen tatsächlich einmal an einem Strang mit den Kunden, begehrten ihrerseits gegen das Gesetz auf und klagten in der Hoffnung, den Zusatzaufwand abzuwenden und nebenbei bei einigen Kunden Ansehen zu schinden.
Auch AOL/Alice, bzw. Hansenet begehrte auf. Bedauerlicherweise aber erfolgte das Aufbegehren ein wenig zu spät, wodurch man offenbar gerade während der beschränkten Aufmerksamkeitsspanne der herrlichen Bundesnetzagentur auf den Straßen rumorte, und die sich schließlich einschaltete. Im Grunde ist ja auch nicht überraschend, dass, wenn etwas tatsächlich einmal, vielleicht das erste und letzte Mal, im Sinne der Unternehmen UND der Bürger ist, eine Behörde kommen und die Sache nachhaltig abwürgen muss. Wie auch immer; faktisch erließ die Bundesnetzagentur eine Verfügung gegen Hansenet, sich an die gesetzlichen Vorgaben zu halten, bevor das Unternehmen nach dem Vorbild anderer Anbieter beim Verwaltungsgericht Berlin Eilrechtsschutz erwirken, und sich so vor der Einhaltung der Bestimmungen noch drücken konnte. Für Rechtsbehelfe gegen Verwaltungsakte der Netzagentur ist nämlich das Verwaltungsgericht Köln zuständig und außerdem ist der Sachverhalt freilich ganz anders gelagert. Hansanet hatte beantragt, dass die Einlegung ihres Widerspruchs gegen die Verfügung der Agentur aufschiebende Wirkung erhält, was bedeuten würde, dass wenigstens für die Dauer des Rechtsbehelfsverfahrens auf ein Vorhalten der Verbindungsdaten (und der entsprechenden, kostenintensiven Hard- und Software) verzichtet werden kann (und somit dadurch auf Umwegen denselben Status wie die Anbieter erhält, die sich rechtzeitig an das Berliner Gericht gewandt haben).
Entschied man im ersten Verfahren erst noch im Sinne des Unternehmens (und damit, ich betone es noch einmal eindringlich, um die Einzigartigkeit der Situation zu verdeutlichen, auch im Sinne der Kunden), wurde der Antrag auf Eintritt der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs heute abgelehnt. Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass das wirtschaftliche Interesse von Hansenet, sich die Einführungskosten zu sparen, hinter dem öffentlichen Interesse an der Installation einer Internatüberwachungsinfrastruktur zurückzustehen habe, sieh an! Sowas ist freilich eigentlich eine Lehrbuchbegründung. In unseren Beispielfällen überwog das Interesse der Öffentlichkeit IMMER das wirtschaftliche Interesse des A, B, C oder wie auch immer phantasievolle Fallschöpfer ihre Rechtssubjekte bezeichnen. Solche Ermessensentscheidungen sind für die Dozenten und Klausurersteller selbstverständlich ganz besonders faszinierend, schließlich gilt es, Schein und Form zu wahren. Ich meine: Wie oft staunt man über politische und Verwaltungsentscheidungen, die allein deswegen getroffen werden, WEIL jemand am Ergebnis wundervoll zu verdienen gedenkt. Liegt die Anwesenheit eines neuen Hühnermaststall im Außenbereich ernsthaft eher im öffentlichen Interesse als die Abwesenheit von widerlichem Gestank, Lärm und massenhaft sanktionierter Tierquälerei? Claro, die zweieinhalb entstehenden Aushilfsjobs machen alle üblen Nebeneffekte mehr als wett, ist es nicht so? Da ist wieder die German Angst vorm sozialen Abstieg, die es ermöglicht, solchen Unsinn wirksam und angeblich stichhaltig zu begründen.
Hier wurde nun tatsächlich mal eine Entscheidung gegen die wirtschaftlichen Interessen einer Arbeitsplatzgebär-, bzw. Konservierungsmaschine getroffen und eigentlich wäre eine jede Entscheidung, wo dem öffentlichen, bzw. sozialen Interesse eine höhere Bedeutung beigemessen wird als dem wirtschaftlichen eines Investors ein Grund, breit grinsend anzustoßen. Nur leider gibt es wohl kein konstruierteres, künstlicheres, freiheitsfeindlicheres und widerbürgerrechtlicheres Interesse als den lächerlichen Sicherheitswahn, hinter dem auch nur irgendetwas zurückstehen könnte. Der Erfolg der Piratenpartei und die regelmäßigen Empörungsrufe insbesondere auch aus der Webkultur, wenn das traumatisierte Attentatsopfer Wolfgang S. und seine Steigbügelhalter ein neues Stück Unsicherheits-, bzw. Verunsicherungskultur unter das darbende Volk werfen (bzw. von einschlägigen Medien mit Großbuchstaben, nackten Frauen und Moralorgasmen, die eines Rudolf Scharping würdig wären), stellt die Interessenlage der Öffentlichkeit doch ein wenig, bzw. um 180 Grad anders dar. Es kommt selten genug vor, dass Bürger und Betriebe in einem Boot sitzen; die Bedürfnisse der Mehrheit des einen, stehen einfach in krassestem Widerspruch zu den Bedürfnissen der Mehrheit des anderen. Sollte das aber doch mal der Fall sein, kann man auf Väterchen Staat zählen und seine Mietmäuler und Rudergänger, die den richtigen Ton finden, dass zumindest der Bürger glaubt, das Geschehen wäre zu seinem Vorteil. Ihr wisst schon, wer mir dabei vorschwebt; diese medial und selbstgerecht gesäugte „Ich-habe-nichts-zu-verbergen!“-Fraktion, die auch allen anderen kein interessantes Leben gönnt, wenn sie schon keines haben darf. Und auf diese Weise denn auch mit Freuden den noch nicht völlig dem Scheintod anheim gefallenen Rest der Welt verleitet, Wirtschaft und Staat treuherzig als Zahnrad fungieren.
Es geht niemanden außer mich etwas an, was ich kaufe, wo ich das tue, mit wem ich rede, wo ich mich überzeugungstechnisch bewege oder wo sich mein Handy gerade aufhält. Weder Staat, noch Wirtschaft noch Politik haben das Recht, mein Leben zu überwachen, meinen Freundeskreis, meine Gesinnung. Allein der Staat besitzt das Recht, mich daran zu hindern, anderen Schaden zuzufügen. Ich füge niemandem Schaden zu, wenn ich mich mit ihm unterhalte, ihm eine Email schicke (zumindest im Regelfall nicht) und die Maierstraße wird meine kurzfristige Anwesenheit dort ebenso überleben wie die Müllerstraße, die ich gerade durchquert habe. Es spricht nichts dagegen, eine Flasche Wasser ins Flugzeug mitzunehmen, wenn ich angesichts meines ausschließlich im Wertverlust steigenden Gehaltes keine Lust habe, überteuertes Bordküchenwasser zu saufen.
Ich habe keinerlei Interesse daran, dass die Verbindungsdaten meiner Mittiere zur weiteren Verwendung gespeichert werden. Ich finde meinen Anblick auf Photos schon grausam genug; ich muss nicht auch noch gefilmt werden, wie ich am Bahnsteig eine fettige Pommes in mich reinschmeiße. Ich muss wirklich nicht wissen, wo sich das Handy von Eduard Egel am 17.03.2009 um 23.15 befunden hat. Außerdem: Schon auf der alten Enterprise waren der Standort von Captain Kirk und seinem Kommunikator häufig nicht identisch. Welche Art von Sicherheit bringt mir das? Welche der Gesellschaft? Bzw. folgt daraus eine weit bessere Frage: Wovor fürchtet sich die Gesellschaft dermaßen, dass Menschen derlei Maßnahmen für notwendig halten? Was an dieser Furcht ist nicht konstruiert? In wie weit ist sie rational? Und was diesen winzigen rationalen Anteil angeht: Was ändern die Sicherheitsmaßnahmen durchgedrehter Bundesregierungen daran? Nichts davon macht uns sicherer. Stattdessen macht uns das alles nur berechenbarer, vorhersehbarer, transparenter. Die Parteien sollen MICH mit Transparenten überzeugen. Auch nicht im Geringsten hat meine Transparenz als Person den Klebstoff auf deren Sesseln und Stühlen zu sichern.
Staatliche Einrichtungen sind dazu da, uns zu ermöglichen unser Leben zu leben wie wir lustig sind, solange wir andere nicht durch unsere Handlungen in ihrem Leben behindern. Der Staat muß nicht wissen, dass ich mich regelmäßig mit Eduard Egel austausche. Es reicht, wenn er und ich wissen, wer da klingelt. Es ist nichts als ein Jammer, dass die Öffentlichkeit und ein ihr eingeimpftes diffuses Sicherheitsempfinden dazu missbraucht werden, größere individuelle Unsicherheit zu schaffen. Hoffen wir, dass das Bundesverfassungsgericht dem panischen Überwachungswahn rechtzeitig ein Ende macht und die Urheber all dieses Wahnsinns dazu verdonnert, Nachhilfe in Sachen freiheitlich-demokratische Grundordnung zu nehmen.
Mord in München
Leider kann man’s nicht anders bezeichnen. Nicht, dass ich Lust hätte, die edle Gesinnung eines bayerischen Geschäftsmannes zu verklären aber der fünfzigjährige Herr aus der Bahn hat etwas Richtiges, Gutes, Nobles und Lobenswertes getan; das darf man keinesfalls vergessen. Zivilcourage ist für die meisten von uns (selbst kann ich mich da mal wieder auch nicht ausschließen…aber immerhin schäme ich mich gelegentlich dafür) etwas, das anderen Leuten zustößt. Kamerad Mitmensch ist nur kameradschaftlich, wenn ihn das Tragen einer Uniform dazu nötigt. Damit ist nicht ausschließlich die Militäruniform genannt; manchmal reicht dafür schon der richtige Button einer Bürgerinitiative. Was aber ist mit der Scheiße im Alltag? Mit der mediengeopferten Oma, die von dreist-dämlichen Halbstarken mit einer Spielzeugpistole erschrocken wird, dem Burschen, der auf offener Straße von nicht minder dämlichen Mitschülern zusammengeschlagen wird oder der armen Sau in der Klasse, die stets die Prügel, seien sie nun physischer oder psychischer Natur von allen Seiten einstecken muss. Was mit dem Fettsack um die Ecke, der Beleidigungen und Lästereien ertragen muss, weil er seinen Frust nur in sich hineinfressen kann, ein Stoffwechselproblem hat oder einfach den falschen Satz Gene mit sich herumträgt?
Die Kids, die von den drei halbstarken Mistkerlen in München erpresst und genötigt worden sind, gehörten vielleicht zu einer dieser Kategorien der ausgegrenzten. Vielleicht auch nicht. Eine Rechtfertigung, ihnen nicht zu helfen, existiert deshalb jedenfalls auf keinen Fall. Tragisch, dass nur dieser eine Fünfzigjährige das erkannt und sich eingesetzt hat. Äußerst tragisch, insbesondere wenn man die Vielzahl der Zeugen bedenkt, die das Ganze mit angeschaut haben. Hätten sich drei weitere Mitfahrer erbarmt, sie hätten vermutlich ebenfalls Prügel bezogen aber hey, was ist mit dem Ruhm? Was ist mit der Anerkennung? Was ist mit dem leuchtenden Kharma? Was ist mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass jener eine Aufrechte nicht seinen Verletzungen erlegen wäre, wenn ihm jemand beigesprungen wäre? Wir haben alle unsere Seilschaften, unsere Freunde, unsere Unterstützer. Meistens nutzen wir sie für Belanglosigkeiten, lassen uns im Alltag helfen bei Dingen, die wichtig, aber sicher nicht lebenswichtig sind. Wenn wenigstens einer von uns, der mit seinen zwei Kumpels gerade ins Kino oder in den Pub düsen wollte sich seine zwei Buddies geschnappt und sich hinter diesen einen gestellt hätte, dann hätten wir nun vier Helden, die von Presse und Politik besungen würden und nicht bloß den einen, post mortem. Und mit Sicherheit hätte dieser nicht sein Leben geben müssen dafür. Was ist mit uns los, hm?
Und wie wird reagiert? Automatisch, reflexhaft, möchte ich meinen. Mehr Videokameras auf den Bahnsteigen? Höhere Strafen für kriminelle Jugendliche? Was bitte hätte das diesem einen, armen, bewunderswerten Mann geholfen? Wenn es jetzt ein mitgeschnittenes Filmchen gäbe, das die Medien bei jeder Debatte für neue paranoide Sicherheitspakete mahnend und ängstigend einblenden könnten, um deren elementare Notwendigkeit zu betonen? Was hilft es dem Toten, wenn man ihm beim Sterben zusehen kann? Sind wir nicht eh schon viel zu abgebrüht, als dass uns so etwas empören und aufrütteln könnte, selbst mehr Zivilcourage zu beweisen? Ich wage mal, mir diese Frage selbst mit einem Ja zu beantworten. Was also bleibt dann? Man kann die Täter besser identifizieren? Bei diesem Verbrechen waren etliche Zeugen anwesend, die die Täter hätten identifizieren können. Die ursprünglich bedrohten Jugendlichen wären mit Sicherheit in der Lage, ihre Erpresser zu identifizieren. Der beherzte Mann hatte selbst bereits die Polizei verständigt. Wozu also eine Videokamera? Was hilft dem Opfer eine Videokamera? Beugt sie der Tat vor? Was für ein Unsinn! „Oh, Sepp: Do is’ o Komera drub’n. Loß uns die Soch’ liaba vorgess’n, Du.“ Brutalität im Affekt lässt sich nicht durch eine Kamera verhindern, die die Sache aufnimmt. Ebensowenig Sinn machen schärfere Strafen. Wenn ich Taten wie diese begehe, gehe ich entweder davon aus, dass mich eh niemand erwischt ODER es ist mir von vornherein scheißegal. Schärfere Strafen und (noch) mehr Überwachung zu fordern, ist nichts als peinlicher Aktionismus ohne Nebeneffekt. Abgesehen von Rache vielleicht. Japp, man will sich ja RÄCHEN. Wer will nicht in einem Rechtsstaat leben, wo die Grundlage der Justiz die Vergeltung am Täter ist. Was bringt die Vergeltung am Täter dem verstorbenen Opfer? Posthume Befriedigung? Mit Sicherheit findet im Himmel erstmal eine Mordssause statt, wenn die drei Täter verurteilt sind. Stillt die Kamera wie auch die höhere Strafe die Angst der ursprünglichen Opfer? Gehen die jetzt stark und selbstbewusst über die Straße? Das täten sie, wenn sie wüssten, dass ihre Mitmenschen sie beschützen. Die stehen aber jüst fäusteschwingend, johlend oder betroffenheitsunkend vor dem nächsten Fernsehbildschirm oder in der Lichterkette, wenn die neue Gruppe pubertierender Brutalos sich über sie hermacht.
Ich weiß, was Du wem am 22.05. gemailt hast…!
Es ist zum Heulen und zum Zähneklappern. Und mE unverantwortlich, diesen ganzen Haufen nutzlosen Datenmülls anhäufen zu lassen und eine Unverfrorenheit, die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen, weil der Innenminister mitsamt seinen Schergen aus dem Wahn nicht mehr rauskommen und seine Lobbyisten ein bißchen Geld verdienen wollen. Ich hab das schonmal an anderer Stelle bemerkt: Das Attentatsopfer Schäuble ist NICHT in der Lage, objektiv die Notwendigkeit von Sicherheitsmaßnahmen zu beurteilen. Mir ist auch vollkommen egal, wie sehr der Mann seiner eigenen Überzeugung oder einfach nur Politischen Grundprinzipien seiner Auftraggeber nachrollt, es ist einfach nur unerträglich, was er treibt und was unsere Volksvertreter (die sich selbst ja gern wunderbar von der Intimüberwachung ausschließen, weil sie als Abgeordnete und freie Mandatsträger ja einen Sonderstatus haben – auch, wenn sie als die Anwälte und freiberufliche Sonstwasberater, die sie sind einmal ihren bequemen Sitz im Parlament verlieren sollten).
Fakt ist, daß es kein Schwein etwas angeht, welche Internetseiten ich aufrufe, wem ich Emails und sonstige Nachrichten schicke, wo ich Meinungen und Deinungen poste und mit wem ich telefoniere. Schlimm gebug, daß man Arbeitgeber meine Verbindungsdaten aufzeichnen kann. Da sehe ich aber wenigstens noch sowas wie ein berechtigtes Interesse. Den Staat geht das aber nun wirklich garnichts an, ebenso wie jene Firmen, die im Internet das Surfverhalten einzelner User verfolgen und darauf basierend Marketingstrategien entwerfen. Nur dazu werden diese Daten letztendlich auch zu etwas nutze sein. Und freilich wird das entsprechend benötigte Equipment dadurch verkauft, dieser Kram muß gewartet werden, etc.
Ansonsten ergibt sich nur ein monströser Haufen sinnlosen Datenmülls, mit dem man sicherheitstechnisch voraussichtlich nichts anfangen kann. Verhindern wird man so garnichts, bestenfalls werden Täter schneller gefunden. Wobei das bei einem Selbstmordattentäter, der in einem gut organisierten Netzwerk arbeitet, trotzdem einen reinen Scheißdreck bringen würde.
Es ist einfach nur so, daß Politiker und Lobbyisten eine panische angst vor ihren Wählern, Kunden und Mitbürgern haben – weil die sich so unberechenbar verhalten, über diesen wirklich sehr, sehr störenden eigenen Willen und Geist verfügen und sich halt doch nicht gar so leicht lenken und manipulieren lassen wie man es von ihnen als Stimmvieh und Konsumenten eigentlich gerne hätte.
Und natürlich haben diese Leute eine schreiende Angst vor dem Internet, wo traditionelle politische Einflußmethodik zwangsläufig versagen muß, wo die zur Zeit einzig lebensfähige Form von Freiheit grassiert und wo ein hoher Aufwand betrieben werden muß, um Mensch und Verstand in den engen Grenzen halten zu können, die man ihm in der eigenen elementaren Weisheit angesichts seiner elementaren Dummheit und seiner Tendenz, sich selbst NUR schaden zu können, gesteckt hat. Deswegen wird ein (möglichst teures) Instrumentarium benötigt, um dieser unerträglichen Freheit endlich wieder die dringend benötigten Grenzen zu setzen, denn nur innerhalb dieser Grenzen ist auch die Machtsphäre von Politik und Wirtschaft existent. Nur dort, wo diese Institutionen kontrollieren können, können sie auch reüssieren, und selbstverständlich ist ihnen das vollkommen klar. Gerade weil in der heutigen Zeit und über die heutigen Medien so ein reger und schwer zu bändigender Meinungsfluß hin- und herströmt, muß man Dämme einsetzen, Schranken bauen und Geschwindigkeiten kontrollieren, denn sonst kann ein Verrückter wie Schäuble oder ein beliebiger Profitgeier garnicht nachvollziehen, was so alles schlimmes über ihn gesagt und gedacht wird, denn anders als die großen Medienkonzerne, deren Richtung man kennt und die man ansonsten kaufen oder sonstwie für sich einnehmen kann, sind die Meinungen in den Foren, Blogs und Mailboxen wesentlich schwerer zu lokalisieren und man kann ihnen viel schlechter beikommen.
Daß eine Organisation von Terroristen oder Profikriminellen auf so simple Art und Weise Nachrichten und Pläne austauscht, daß der durchschnittliche, eh überforderte Onlinefahnder sie eindeutig zuordnen kann, dürfte ungefähr so wahrscheinlich sein wie die Geschehnisse um William Shatners UFO-Erfahrung in der Mojave-Wüste oder klare poltische Aussagen von Angela Merkel. Vielleicht finden sich Verdachtsmomente. Ich habe aber große Zweifel, daß das, was man an Indizien finden könnte (wenn man sich denn überhaupt die exorbitanten Kosten auflasten würde, die die rechtzeitige Sichtung und Analyse all dieser Daten aufgrund des gewaltigen Sach- und noch größeren Personalaufwandes mit sich brächte) für einen gerichtsfähigen Bescheid ausreichend wäre, solange das Rechtssystem noch halbwegs funktionsfähig ist. Es ist einerseits Aktionismus, andererseits Paranoia, Angst vor dem Unbekannten und Unfassbaren und stumpfsinniges Profitdenken, was hinter diesem großen Übel steht.
Natürlich wird auch in Fällen wie diesen nicht zu der eigentlich fälligen Volksabstimmung gegriffen, denn man weiß genau, daß die Datengier bei vielen Leuten, von denen manche über einiges an Überzeugungskraft verfügen (denn deswegen fürchtet man sie ja; außerdem haben diese Leute schlichtweg RECHT) alles andere als gern gesehen ist. Intellektuelle, Datenschützer, Bürgerinitiativen, Journalisten, Internetaktivisten, Blogger und so weiter wehren sich mit Händen und Füßen.
Natürlich gibt es einerseits nach wie vor die wirklich unbelehrbare und auf den hintersten Jupitermond zu schießende “Ich-habe-nichts-zu-verbergen” – Fraktion, die selbst ein stinklangweiliges Leben führt und letztendlich allen anderen auch nichts anderes gönnt, weswegen die Leute, die möglicherweise etwas haben, von dem sie sich wünschten, es bliebe weiterhin vor der Öffentlichkeit verborgen, gefälligst auch in das grelle Licht gewöhnlicher Öffentlichkeit oder öffentlicher Gewöhnlichkeit, je nachdem, gezerrt werden sollen und genauso armselig, bescheiden und sittsam leben wie jene, die sich das vor der Totalüberwachung noch nicht getraut haben. Diese Leute sind das Gegenteil von aufrechten Demokraten und sollten Stubenkontrolleure beim Bund, tyrannische Vorarbeiter, faschistoide Hausmeister, Blockwarte oder altjungfräuliche, weltferne Klosteräbtissinnen werden und möglichst bei Antritt einer dieser Positionen ihr Wahlrecht abgeben. Die andere Fraktion sind die Gleichgültigen, die das alles nicht sonderlich interessiert, solange heute und morgen möglichst identisch sind.
Diesen Leuten müßte man klarmachen, daß es etwas wie Intim- und Privatsphäre gibt und das man das respektieren muß, diese Leute müssen lernen, daß wir eine Verfassung haben, die uns ein Brief- und Fernmeldegeheimnis, eine Informations- und Meinungsfreiheit garantiert und daß es ein Grundrecht wie auch ein Grundbeürfnis des Menschen ist, er selbst zu sein und daß auch eine panische Öffentlichkeit wie ihre wahnsinnigen Repräsentanten das zu respektieren, gar zu begrüßen haben. Vielleicht schaffen wir das eines Tages. Nach dem 9. November mag das aber bereits zu spät sein.