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Mord in München
Leider kann man’s nicht anders bezeichnen. Nicht, dass ich Lust hätte, die edle Gesinnung eines bayerischen Geschäftsmannes zu verklären aber der fünfzigjährige Herr aus der Bahn hat etwas Richtiges, Gutes, Nobles und Lobenswertes getan; das darf man keinesfalls vergessen. Zivilcourage ist für die meisten von uns (selbst kann ich mich da mal wieder auch nicht ausschließen…aber immerhin schäme ich mich gelegentlich dafür) etwas, das anderen Leuten zustößt. Kamerad Mitmensch ist nur kameradschaftlich, wenn ihn das Tragen einer Uniform dazu nötigt. Damit ist nicht ausschließlich die Militäruniform genannt; manchmal reicht dafür schon der richtige Button einer Bürgerinitiative. Was aber ist mit der Scheiße im Alltag? Mit der mediengeopferten Oma, die von dreist-dämlichen Halbstarken mit einer Spielzeugpistole erschrocken wird, dem Burschen, der auf offener Straße von nicht minder dämlichen Mitschülern zusammengeschlagen wird oder der armen Sau in der Klasse, die stets die Prügel, seien sie nun physischer oder psychischer Natur von allen Seiten einstecken muss. Was mit dem Fettsack um die Ecke, der Beleidigungen und Lästereien ertragen muss, weil er seinen Frust nur in sich hineinfressen kann, ein Stoffwechselproblem hat oder einfach den falschen Satz Gene mit sich herumträgt?
Die Kids, die von den drei halbstarken Mistkerlen in München erpresst und genötigt worden sind, gehörten vielleicht zu einer dieser Kategorien der ausgegrenzten. Vielleicht auch nicht. Eine Rechtfertigung, ihnen nicht zu helfen, existiert deshalb jedenfalls auf keinen Fall. Tragisch, dass nur dieser eine Fünfzigjährige das erkannt und sich eingesetzt hat. Äußerst tragisch, insbesondere wenn man die Vielzahl der Zeugen bedenkt, die das Ganze mit angeschaut haben. Hätten sich drei weitere Mitfahrer erbarmt, sie hätten vermutlich ebenfalls Prügel bezogen aber hey, was ist mit dem Ruhm? Was ist mit der Anerkennung? Was ist mit dem leuchtenden Kharma? Was ist mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass jener eine Aufrechte nicht seinen Verletzungen erlegen wäre, wenn ihm jemand beigesprungen wäre? Wir haben alle unsere Seilschaften, unsere Freunde, unsere Unterstützer. Meistens nutzen wir sie für Belanglosigkeiten, lassen uns im Alltag helfen bei Dingen, die wichtig, aber sicher nicht lebenswichtig sind. Wenn wenigstens einer von uns, der mit seinen zwei Kumpels gerade ins Kino oder in den Pub düsen wollte sich seine zwei Buddies geschnappt und sich hinter diesen einen gestellt hätte, dann hätten wir nun vier Helden, die von Presse und Politik besungen würden und nicht bloß den einen, post mortem. Und mit Sicherheit hätte dieser nicht sein Leben geben müssen dafür. Was ist mit uns los, hm?
Und wie wird reagiert? Automatisch, reflexhaft, möchte ich meinen. Mehr Videokameras auf den Bahnsteigen? Höhere Strafen für kriminelle Jugendliche? Was bitte hätte das diesem einen, armen, bewunderswerten Mann geholfen? Wenn es jetzt ein mitgeschnittenes Filmchen gäbe, das die Medien bei jeder Debatte für neue paranoide Sicherheitspakete mahnend und ängstigend einblenden könnten, um deren elementare Notwendigkeit zu betonen? Was hilft es dem Toten, wenn man ihm beim Sterben zusehen kann? Sind wir nicht eh schon viel zu abgebrüht, als dass uns so etwas empören und aufrütteln könnte, selbst mehr Zivilcourage zu beweisen? Ich wage mal, mir diese Frage selbst mit einem Ja zu beantworten. Was also bleibt dann? Man kann die Täter besser identifizieren? Bei diesem Verbrechen waren etliche Zeugen anwesend, die die Täter hätten identifizieren können. Die ursprünglich bedrohten Jugendlichen wären mit Sicherheit in der Lage, ihre Erpresser zu identifizieren. Der beherzte Mann hatte selbst bereits die Polizei verständigt. Wozu also eine Videokamera? Was hilft dem Opfer eine Videokamera? Beugt sie der Tat vor? Was für ein Unsinn! „Oh, Sepp: Do is’ o Komera drub’n. Loß uns die Soch’ liaba vorgess’n, Du.“ Brutalität im Affekt lässt sich nicht durch eine Kamera verhindern, die die Sache aufnimmt. Ebensowenig Sinn machen schärfere Strafen. Wenn ich Taten wie diese begehe, gehe ich entweder davon aus, dass mich eh niemand erwischt ODER es ist mir von vornherein scheißegal. Schärfere Strafen und (noch) mehr Überwachung zu fordern, ist nichts als peinlicher Aktionismus ohne Nebeneffekt. Abgesehen von Rache vielleicht. Japp, man will sich ja RÄCHEN. Wer will nicht in einem Rechtsstaat leben, wo die Grundlage der Justiz die Vergeltung am Täter ist. Was bringt die Vergeltung am Täter dem verstorbenen Opfer? Posthume Befriedigung? Mit Sicherheit findet im Himmel erstmal eine Mordssause statt, wenn die drei Täter verurteilt sind. Stillt die Kamera wie auch die höhere Strafe die Angst der ursprünglichen Opfer? Gehen die jetzt stark und selbstbewusst über die Straße? Das täten sie, wenn sie wüssten, dass ihre Mitmenschen sie beschützen. Die stehen aber jüst fäusteschwingend, johlend oder betroffenheitsunkend vor dem nächsten Fernsehbildschirm oder in der Lichterkette, wenn die neue Gruppe pubertierender Brutalos sich über sie hermacht.
Ich weiß, was Du wem am 22.05. gemailt hast…!
Es ist zum Heulen und zum Zähneklappern. Und mE unverantwortlich, diesen ganzen Haufen nutzlosen Datenmülls anhäufen zu lassen und eine Unverfrorenheit, die gesamte Bevölkerung unter Generalverdacht zu stellen, weil der Innenminister mitsamt seinen Schergen aus dem Wahn nicht mehr rauskommen und seine Lobbyisten ein bißchen Geld verdienen wollen. Ich hab das schonmal an anderer Stelle bemerkt: Das Attentatsopfer Schäuble ist NICHT in der Lage, objektiv die Notwendigkeit von Sicherheitsmaßnahmen zu beurteilen. Mir ist auch vollkommen egal, wie sehr der Mann seiner eigenen Überzeugung oder einfach nur Politischen Grundprinzipien seiner Auftraggeber nachrollt, es ist einfach nur unerträglich, was er treibt und was unsere Volksvertreter (die sich selbst ja gern wunderbar von der Intimüberwachung ausschließen, weil sie als Abgeordnete und freie Mandatsträger ja einen Sonderstatus haben – auch, wenn sie als die Anwälte und freiberufliche Sonstwasberater, die sie sind einmal ihren bequemen Sitz im Parlament verlieren sollten).
Fakt ist, daß es kein Schwein etwas angeht, welche Internetseiten ich aufrufe, wem ich Emails und sonstige Nachrichten schicke, wo ich Meinungen und Deinungen poste und mit wem ich telefoniere. Schlimm gebug, daß man Arbeitgeber meine Verbindungsdaten aufzeichnen kann. Da sehe ich aber wenigstens noch sowas wie ein berechtigtes Interesse. Den Staat geht das aber nun wirklich garnichts an, ebenso wie jene Firmen, die im Internet das Surfverhalten einzelner User verfolgen und darauf basierend Marketingstrategien entwerfen. Nur dazu werden diese Daten letztendlich auch zu etwas nutze sein. Und freilich wird das entsprechend benötigte Equipment dadurch verkauft, dieser Kram muß gewartet werden, etc.
Ansonsten ergibt sich nur ein monströser Haufen sinnlosen Datenmülls, mit dem man sicherheitstechnisch voraussichtlich nichts anfangen kann. Verhindern wird man so garnichts, bestenfalls werden Täter schneller gefunden. Wobei das bei einem Selbstmordattentäter, der in einem gut organisierten Netzwerk arbeitet, trotzdem einen reinen Scheißdreck bringen würde.
Es ist einfach nur so, daß Politiker und Lobbyisten eine panische angst vor ihren Wählern, Kunden und Mitbürgern haben – weil die sich so unberechenbar verhalten, über diesen wirklich sehr, sehr störenden eigenen Willen und Geist verfügen und sich halt doch nicht gar so leicht lenken und manipulieren lassen wie man es von ihnen als Stimmvieh und Konsumenten eigentlich gerne hätte.
Und natürlich haben diese Leute eine schreiende Angst vor dem Internet, wo traditionelle politische Einflußmethodik zwangsläufig versagen muß, wo die zur Zeit einzig lebensfähige Form von Freiheit grassiert und wo ein hoher Aufwand betrieben werden muß, um Mensch und Verstand in den engen Grenzen halten zu können, die man ihm in der eigenen elementaren Weisheit angesichts seiner elementaren Dummheit und seiner Tendenz, sich selbst NUR schaden zu können, gesteckt hat. Deswegen wird ein (möglichst teures) Instrumentarium benötigt, um dieser unerträglichen Freheit endlich wieder die dringend benötigten Grenzen zu setzen, denn nur innerhalb dieser Grenzen ist auch die Machtsphäre von Politik und Wirtschaft existent. Nur dort, wo diese Institutionen kontrollieren können, können sie auch reüssieren, und selbstverständlich ist ihnen das vollkommen klar. Gerade weil in der heutigen Zeit und über die heutigen Medien so ein reger und schwer zu bändigender Meinungsfluß hin- und herströmt, muß man Dämme einsetzen, Schranken bauen und Geschwindigkeiten kontrollieren, denn sonst kann ein Verrückter wie Schäuble oder ein beliebiger Profitgeier garnicht nachvollziehen, was so alles schlimmes über ihn gesagt und gedacht wird, denn anders als die großen Medienkonzerne, deren Richtung man kennt und die man ansonsten kaufen oder sonstwie für sich einnehmen kann, sind die Meinungen in den Foren, Blogs und Mailboxen wesentlich schwerer zu lokalisieren und man kann ihnen viel schlechter beikommen.
Daß eine Organisation von Terroristen oder Profikriminellen auf so simple Art und Weise Nachrichten und Pläne austauscht, daß der durchschnittliche, eh überforderte Onlinefahnder sie eindeutig zuordnen kann, dürfte ungefähr so wahrscheinlich sein wie die Geschehnisse um William Shatners UFO-Erfahrung in der Mojave-Wüste oder klare poltische Aussagen von Angela Merkel. Vielleicht finden sich Verdachtsmomente. Ich habe aber große Zweifel, daß das, was man an Indizien finden könnte (wenn man sich denn überhaupt die exorbitanten Kosten auflasten würde, die die rechtzeitige Sichtung und Analyse all dieser Daten aufgrund des gewaltigen Sach- und noch größeren Personalaufwandes mit sich brächte) für einen gerichtsfähigen Bescheid ausreichend wäre, solange das Rechtssystem noch halbwegs funktionsfähig ist. Es ist einerseits Aktionismus, andererseits Paranoia, Angst vor dem Unbekannten und Unfassbaren und stumpfsinniges Profitdenken, was hinter diesem großen Übel steht.
Natürlich wird auch in Fällen wie diesen nicht zu der eigentlich fälligen Volksabstimmung gegriffen, denn man weiß genau, daß die Datengier bei vielen Leuten, von denen manche über einiges an Überzeugungskraft verfügen (denn deswegen fürchtet man sie ja; außerdem haben diese Leute schlichtweg RECHT) alles andere als gern gesehen ist. Intellektuelle, Datenschützer, Bürgerinitiativen, Journalisten, Internetaktivisten, Blogger und so weiter wehren sich mit Händen und Füßen.
Natürlich gibt es einerseits nach wie vor die wirklich unbelehrbare und auf den hintersten Jupitermond zu schießende “Ich-habe-nichts-zu-verbergen” – Fraktion, die selbst ein stinklangweiliges Leben führt und letztendlich allen anderen auch nichts anderes gönnt, weswegen die Leute, die möglicherweise etwas haben, von dem sie sich wünschten, es bliebe weiterhin vor der Öffentlichkeit verborgen, gefälligst auch in das grelle Licht gewöhnlicher Öffentlichkeit oder öffentlicher Gewöhnlichkeit, je nachdem, gezerrt werden sollen und genauso armselig, bescheiden und sittsam leben wie jene, die sich das vor der Totalüberwachung noch nicht getraut haben. Diese Leute sind das Gegenteil von aufrechten Demokraten und sollten Stubenkontrolleure beim Bund, tyrannische Vorarbeiter, faschistoide Hausmeister, Blockwarte oder altjungfräuliche, weltferne Klosteräbtissinnen werden und möglichst bei Antritt einer dieser Positionen ihr Wahlrecht abgeben. Die andere Fraktion sind die Gleichgültigen, die das alles nicht sonderlich interessiert, solange heute und morgen möglichst identisch sind.
Diesen Leuten müßte man klarmachen, daß es etwas wie Intim- und Privatsphäre gibt und das man das respektieren muß, diese Leute müssen lernen, daß wir eine Verfassung haben, die uns ein Brief- und Fernmeldegeheimnis, eine Informations- und Meinungsfreiheit garantiert und daß es ein Grundrecht wie auch ein Grundbeürfnis des Menschen ist, er selbst zu sein und daß auch eine panische Öffentlichkeit wie ihre wahnsinnigen Repräsentanten das zu respektieren, gar zu begrüßen haben. Vielleicht schaffen wir das eines Tages. Nach dem 9. November mag das aber bereits zu spät sein.
Geflügel
Seit einigen Tagen quält und beherrscht mich eine unermessliche, verzweifelte Wut. Den Grund kann man sich bei Interesse zusammenreimen, ansonsten verdient er hier keine weitere Erwähnung. So wie es aussieht, ist Wut am Ende aber wohl das einzige, was immer übrig bleibt, bis selbst sie verraucht.
Erfüllt von diesem, manchmal willkommenen, hier jedoch unerwünschten, Glühen vollzog ich gerade das, was zu vollziehen mir auch weiterhin obliegen wird, nämlich die Ausfuhr einer vierbeinigen pelzigen Hinterlassenschat, die es im Grunde jedoch durchaus nicht verdient, als vierbeinige pelzige Hinterlassenschaft bezeichnet zu werden. Bekanntermaßen mache ich das gerne möglichst im Dunkeln, in der Nach, auf jeden Fall aber so spät wie möglich, weil es mir nicht selten furchtbar leidtut um die dadurch vertane Zeit.
Schon gestern habe ich mich erst sehr spät (bzw. früh) aufraffen können, meinen Dienst am Tier zu tun, nachdem ich mich endlich entschieden hatte, die für morgens um 8 (Abfahrt um viertel vor sechs-_-es ist unmenschlich, Leute so früh aus dem Bett zu rupfen) angesetzte dritte Übungsklausur-ohne-irgendwelche-Konsequenzen tatsächlich nicht mitzuschreiben. Heute indes raffte ich mich noch später auf.
Draußen wehte ein laues Lüftchen, der Tag erkletterte bereits den Horizont und wo gestern Nacht bzw. heute morgen um drei noch Partyteenager herumkreischten, -kicherten, -grölten und -rülpsten fand sich heute nur erholsame menschliche Nicht-Präsenz. Nie glänzt Kamerad Mitmensch stilvoller, heller und glorreicher als durch seine nachhaltige Abwesenheit. Ich schlenderte (bzw. schlurfte in meinen Schlappen) durch die kühle Morgenbrise und sog das expandierende Zwielicht in mich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm herrlich erfrischendes Quellwasser.
Gelegentlich zwang mich der Hund, Halt zu machen; im Regelfall dann, wenn er seine festeren Exkremente in den Waldboden zu senken beabsichtigte und dadurch keinen sonderlich verlockenden Anblick bot. Deshalb wandte ich mich wie zumeist missbilligend ab und untersuchte nahe und ferne Baumwipfel nach Anzeichen morgendlichen Lebens. In diesem Moment nahm ich erstmals seit Tagen wieder etwas wahr, das mir früher, als sentimentaler Weichkeks der ich bin, ein friedliches Lächeln auf die hässlichen Züge zaubert, nämlich Vogelgesang.
Ich bin ein Vogelliebhaber seit ich klitzeklein war. Ich habe „Unsere Brüder mit den Schwingen“ (sentimentale Erzähldoku aus der Weimarer Zeit, die ich hege und pflege) schon geliebt, als ich noch glückliches Kind war (war ich mal; man stelle sich vor!) und abgesehen von einem Albtraum über mich und meine ganze Welt zerreißende Ziervögel nach der Lektüre eines Vogelbestimmungsbuches meines Onkels hat sich in all den Jahren daran nichts verändert. Ich latschte weiter, den teilweise entleerten Hund hinter mir herrupfend an gewisse Orte, die wir aus irgendeinem Grund immer beim Spazieren aufsuchen müssen, damit er dort durch ekstatisches Herumschnüffeln und Grasrupfen noch ein wenig mehr meiner zugegeben ohnehin eher wertlosen Zeit stehlen kann.
Immer wieder sangen die Vögel für mich. Ein bereits fliehender Sichelmond verharrte mit mir in den Klängen des Morgens und das Tier ging weiter seinen mir unbegreiflichen Geschäften nach. Und je länger ich dort herumstand, den tapferen Mond an meiner Seite, der die Heerscharen der sonne schon herannahen sieht, desto mehr fällt mir auf, wie sehr mich der Gesang von Vogelstimmen selbst als zynischer, verratener, enttäuschter und desillusionierter Mistkerl mit fast 30 Jahren noch immer berühren kann. Aus irgendeinem merkwürdigen Grunde muntert mich dieses Wissen auf.
Mike läßt grüßen
Seit einer Weile bekomme ich den Newsletter von Michael Moore zugesandt. Er ist nicht der Rechercheur der Superlative aber dennoch rüttelt auf, was er sagt und es hat letztendlich Hand und Fuß. Mike gibt Denkanstöße und nebenbei unterhält er blendend. Er konfrontiert moderne Sünder mit den Auswüchsen und Ergebnissen ihrer Sünden und macht sie damit rasend, bissig, aggressiv und manchmal sogar betroffen (siehe die Episode von The Awful Truth mit dem Weihnachtschor ohne Kehlkopf).
Es hat keinen Sinn, sich über die journalistischen Qualitäten von Populisten zu zanken; wenn wir das tun wollten, dann würde Franz-Josef Wagner in regelmäßigen Abständen mit lustigen einstweiligen Verfügungen bombardiert, über die er sich in seiner Kolumne/Glosse/Klatschspalte wirksam echauffieren dürfte (während Mike Conan’o'Brien trotzdem ein Interview gibt, wenn auch durch das geöffnete Studiofenster von der Straße aus im Brüllton). Letztendlich bewegt Mikes Form der Moralisierung weltweit wesentlich mehr und richtet weder in Köpfen noch Seelen vermutlich weniger Schaden an als die selbstgerechten Traktate des FJW. Außerdem hat man Mike schon allein deswegen viele Sympathien in der Tasche, weil er sich die richtigen Feinde macht.
Nun, jedenfalls las ich vorhin in meiner zuverlässigen taz einen augenzwinkernden Artikel zu Mike und seinem neuesten Werk, Sicko. Es geht hier um eine Ankreidung der gräßlichen Verhältnisse in Sachen Gesundheitsversorgung, die in den Vereinigten Staaten vorherrschen (für diejenigen, die es noch nicht wissen). Die Autoren kamen zu dem Schluß, daß Mikes Beitrag zwar erneut nicht die Welt verändern würde, wie er ja schon bei der Wiederwahl Bushs zu seinem und vieler anderer Leute Schrecken feststellen mußte (was dann für lange Zeit zu einer Flaute in seinen Veröffentlichungen führte, die ich als Newsletterabonnent ja auch mitbekam, ebenso wie seine Frustration, daß er dermaßen ohne Wirkung geblieben war) aber daß Moore in diesem neuen Film etwas anspricht, was den Amerikanern auf den Nägeln brennt und mit dem sich von allen Präsidentschaftskandidaten gerade mal einer ernsthaft in seinem Programm auseinandersetzt, obwohl Sympathisaten beider Lager (Demokraten und Repubikaner, denn andere Lager existieren de facto ja garnicht, die in der nationalen Politik gehört werden) da einen großen Handlungsbedarf sehen.
Es darf davon ausgegangen werden, daß Sicko weit weniger Anhänger in Europa findet als Stupid white Men, Bowling for Columbine und Fahrenheit 9/11, weil die Positionen in dieser Sache hier bei uns auch sehr vielschichtig und munter verteilt sind und man sich die von Mike und seinen Anhängern wesentlich schlechter aneignen kann als seine Einstellung gegen Irakkrieg, Bush und Waffenwahn. Dabei ist das Gesundheitssystem hier bei uns auch auf dem Prüfstand und es wird daran herumnarkotisiert und -gedoktort seit langer Zeit. Liberale (oder zumindest ehrliche) Äußerungen zum Thema veranlassen BILD zur Zeit, Unionsmann Horst Seehofer in den Staub zu schreiben, der es wagte, die Stimme zu erheben und damit die Parteibonzen zu vergällen. justiziale Ex-Bundespräsidenten mit Ruck-Sehnsucht rechnen mit Kommissionen jahrelang daran herum, um hinterher von Merkel durch über den Daumen gepeilte Neuberechnungen widerlegt zu werden. Praxisgebühr, Bürgerversicherungen, Kopfpauschalen, allerlei lustige Anmerkungen und Pläne… tatsächlich betrifft Sicko uns hier in Deutschland von allen Diskussionsbeiträgen Mikes bisher eher am meisten.
Sicko betrifft uns insofern, als das der Film uns vorführen kann, wie gut es uns in Deutschland selbst momentan noch geht mit unserer artigen Krankenversicherung, die sich mindestens 50 Millionen Amerikaner, die KEINE Krankenversicherung haben, von Herzen wünschen würden. Neben einigen Lachern und Kopfschüttlern über die miserablen sozialen Verhältnisse in der Restgroßmacht kann uns der Film möglicherweise eine Wertschätzung für das vermitteln, was wir hier haben und möglicherweise schärft er die Bereitschaft der Bürger einerseits und das Bewußtsein der Politik über die Bürger andererseits, dafür auch angemessenes Geld auszugeben bzw. wie ungemein wichtig gerade SOLCHE staatlichen Aufgaben sind und so kommt auf Umwegen vielleicht auch ein bißchen dieser neuen alten Erkenntnisse im verkümmerten Sozialgeist der Unternehmen an. Daß die Politik denen von sich aus für die Notwendigkeit eines sozialen Bewußtseins, einer gesellschaftlichen Verpflichtung, die Augen öffnet, davon kann man sich heute nicht einmal mehr erlauben zu träumen. Denn dazu müßten die Politiker über Sozialverstand und Sozialkompetenz verfügen und sich derer erinnern, die mit 1.000 Euro monatich eine Familie durchbringen müssen und deswegen keine Zähne mehr im Maul haben.